Sonntag, 25. September 2016

Im Wedding

Wenn ich was hasse, dann sind es Bierbänke. Ein Verbrechen an der Menschheit. Ein gewichtiger Grund, weshalb es beim Oktoberfest nur für ein kurzes Gastspiel gereicht hat. Leute sitzen zu eng neben und zu nah vor mir. Das möchte ich nicht.

Ich war also nicht begeistert, als die Beste eine Kneipe im Wedding auserkor und in derem lauschigen, äußerst sparsam beleuchtetem Vorgarten Bierbänke standen. Ich atmete schwer und dachte nicht schon wieder!

Außerdem war es total leer. Der Wirt hatte Zeit und bediente uns brüsk-charmant. Das halte ich für eine gute Mischung. Normalerweise ist man von Service-Robotern umgeben, die vollautomatisch ihren Dienst versehen. Dieser Wirt hat einen guten Blick für Menschen und kümmert sich unaufdringlich und selbstbewusst.

Als ich mal reinging, war ich entzückt. Plüsch as Plüsch can. Meine entzündeten Nerven beruhigten sich augenblicklich, denn im hinteren Bereich lauter Sofas und Sessel plus Aschenbechern. Ich könnte also bequem sitzen, wenn ich wollte, manchmal reicht das schon. Vorne eine kleine Bühne und überall schwerer Fall von Deko-Wahn; hier schaltet und waltet ein Meister der geschmackbefreiten Inneraumbeleuchtung. Überall Glühwürmchen, die gütiges Licht verströmen. Ein hübscher Kontrast zum wirken und Habitus des Wirtes. 

Da es eine Raucherkneipe ist, gibt es nur ein Gericht: Currywurst mit selbstgemachten Ketchup, angeblich Geheimrezepept von Omma. War gut. 

Später beim bezahlen kamen wir ins Gespräch. So leer sei es noch nie gewesen, obwohl sich inzwischen Leute auf den Sofas breitmachten. Sonntags Live-Musik, Dienstags Karaoke mit einem, der so beschissen singt, dass sich anschließend alle trauen und auf dem Klo der Hinweis, dass am 6.12. Martin Dean auftritt, man weiß nur nicht, in welchem Jahr.


 

Hingehen:  Ufer-Café

P.S: Der Wedding ist zeitlos. Cäpt'n Nuss (die Berliner Ausgabe von Robert Fleming aus High Fidelity) gibt es immer noch. Natürlich ohne Website.