Mittwoch, 22. November 2017

Meine erste Liebe

David Cassidy ist tot. 

Bei Licht betrachtet war er gar nicht meine erste Liebe. Meine erste Liebe war Siggi, mein Cousin. Dessen Mutter, meine Patentante, hatte mich, als ich ca. vier Jahre alt war, wegen einer längeren Erkrankung meiner Mutter in ihre Obhut genommen. Ich wurde in Siggis Zimmer einquartiert, der war beim Bund und nur am Wochenende da. Er war 19 und ich vier, eine Liebe ohne Zukunft und natürlich ahnte er nicht das Geringste von meiner Schwärmerei, genauer gesagt beachtete er mich nicht die Bohne. Später wuchs er zu einem in jeder Hinsicht sehr unangenehmen Zeitgenossen heran und so war ich heilfroh, dass aus uns nix geworden ist.

Meine zweite Liebe war Gerhard K., ein Mitschüler. Ich war wohl so sechs oder sieben und himmelte ihn an, weil er lange Haare hatte. Ich war schon sehr frühzeitig fokussiert auf volles Haupthaar, das bis über die Schulter wuchs. Auch Gerhard ahnte nichts davon, wie sehr mein kleines Herz in Flammen stand. Ich traf ihn wieder, als wir beide ca. 20 waren und da erzählte ich ihm davon. Er hatte nie was gemerkt. Später ging er dann nach Australien.

Dann kam die Partridge Family ins Vorabendprogramm und mit ihr David Cassidy. Er hatte eine ganz besondere Art zu lächeln. Damals durften noch alle mit den Zähnen ins Fernsehen, mit denen sie geboren waren, auch wenn sie schief gewachsen waren. Er stupste seine Zunge immer an die obere Zahnreihe, wenn er lachte, was mich entzückte; weshalb, weiß ich nicht mehr.

Ich liebte ihn inbrünstig und hatte einen sehr genauen Plan, wenn wir uns erst mal begegnen würden. Ich würde ihn nämlich überhaupt nicht beachten, bzw. vorgeben, ihn nicht zu kennen. Das, so dachte ich, würde ihn derart begeistern, weil, dass ihn alle anschmachteten, war er ja gewohnt. Aber wenn dann ich daher käme und es mir nicht um seinen Ruhm ginge, sondern um ihn als Mensch, das würde ihn erfreuen; endlich mal ein Mädchen, dem es nur um seine inneren Werte ginge.

Ich hielt das für eine erfolgversprechende Strategie, aber meine Liebe stand unter keinem guten Stern, denn es trennten uns einige Kilometer und letztlich verschlug es ihn nie in die niedersächsische Tiefebene. Und auch nicht nach Büsum, wo wir sämtliche Sommerferien verbrachten.

So blieb mir nur, mein ganzes Taschengeld für die Bravo zu opfern und als ich dann endlich den Starschnitt zusammengeklebt an meiner Zimmertür hatte, war das auch schon der Höhepunkt unserer Beziehung. Meinen ausgeklügelten Plan konnte ich nie ausprobieren, verfeinere ihn aber bis heute: jeder Mann, der mir gefällt, wird ignoriert. Jeder Mann, mit dem ich enstpannt flirte, kann sicher sein, dass ich rein gar nichts im Schilde führe. 

Später wurde er dann Sänger und das beendete meine Liebe abrupt. Der sang ganz anderes Zeug als in der Partridge Family. Gefiel mir überhaupt nicht, das Gejaule.. 

Später in den 80er Jahren hatte er dann noch mal einen... ja, ob man das jetzt Hit nennen kann, weiß ich nicht, aber da sah er dann so Achtziger Jahre aus, dass ich nur noch mit Milde auf das kleine Mädchen schaute, das ich mal war. 

Als ich bei Glumm vor einigen Monaten (oder sind es schon Jahre?) von ihm las, googelte ich nach ihm. Das Blatt hatte sich für ihn gewendet. Sah er früher immer sehr viel jünger aus, als er war, hatte sich das nun ins Gegenteil verkehrt. Ein sehr früh gealterters, vom Leben, Alkohol und wahrscheinlich auch schon Demenz gezeichnetes Gesicht blickte mir entgegen. Er hatte jetzt auch neue Zähne, was aber auch nicht mehr half.

Wäre er doch nur nach Niedersachsen gekommen, damals. Alles wäre anders verlaufen.

Dienstag, 21. November 2017

Hottie Lindner

Ich muss schon wieder die Dame von Welt verlinken, denn sie hat alles über Patrick Christian Lindner zusammengetragen, was man gelesen haben sollte. Unter anderem hat sie auch das Filmchen verlinkt, in dem Lindner als unerträglich agierender, aber schon damals rhetorisch sattelfester Jung-Germane vor sich hin schwafelt. 

Speziell dieser Film hat alle meine Vorurteile über junge FDP-Mitglieder bestätigt. Ich meine nämlich schon immer, dass junge FDP-Mitglieder, vor allem die männlichen, in der Schule durch die Bank verkloppt wurden. Die Gründe kenne ich natürlich nicht genau, vermute aber eine Mischung aus dämlicher Klugscheißerei gepaart mit schlimmen Frisuren. 

Dann haben die sich gedacht, irgendwohin muss ich doch gehören und dann sind sie zu den "Jungen Liberalen" gegangen und siehe da, da sahen sie alle so komisch aus und redeten alle so einen Quark und dann fühlten sie sich gleich zuhause und waren glücklich, endlich ein paar Freunde zu haben. 

Und weil sie keine richtigen Freunde hatten im wahren Leben, dachten sie sich, gehe ich doch gleich in die Politik und werde eine große Nummer in der FDP, da haben alle einen Stock im Arsch und unter den Uncoolen bin ich der Coolste und dann redeteten sich alle in so einen Rausch und fertig war die Laube.

Dann kam Christian Lindner noch auf die Idee, eine tolle Werbeagentur zu suchen, er entschied sich für die "Heimat", und die machte aus Lindner ein Top Model, jedenfalls faselten alle plötzlich von seiner Schönheit. Ich dachte, welche Schönheit? Lindner, schön? Wie weit ist es in unserem Land eigentlich gekommen?

Okay, Schönheit liegt im Auge des Betrachters, es mag also echte Fans geben, aber mir ist rätselhaft, wie man in diesem alternden Bubi-Gesicht Anzeichen von Schönheit erkennen kann, wo doch Schönheit in meiner kleinen Welt nicht nur aus markanter Physiognomie (die er schon gleich gar nicht besitzt) besteht, sondern im allerbesten Fall eine Mischung aus ebendieser und Charisma (was er ebenfalls nicht besitzt) ist, oftmals ist Charisma sogar das einzig Nötige, um unwiderstehliche Anziehungskraft auszustrahlen. Nichts trifft auf ihn zu, aber er wurde gefeiert, als stünde der neue Sebastian Kurz vor den Mikrofonen; was ja vielleicht sogar beabsichtigt war. Der ist ja auch eine neue Marke.

Wo wir schon bei Marken sind: die "Heimat" gab kürzlich ein von sich selbst besoffenes Interview. Na, die Herren können ihr Glück kaum fassen, eine Traum-Kampagne hatten sie da hingelegt. Sie haben sogar unangenehme Wahrheiten offen angesprochen: 

"In dem gemeinsamen Prozess haben wir unangenehme Wahrheiten offen angesprochen und gemerkt, wenn wir wirklich Erneuerung wollen, brauchen wir bestimmte Maßnahmen, auch radikale. Sogar der Name wurde hinterfragt, das Kürzel, wofür steht das eigentlich?" 

Ja, eine der ganz großen Menschheitsfragen. Die Antwort folgt sogleich; 

"Und so wurde der Name wieder ausgeschrieben in Freie Demokraten." 

Aha. So so. Mir stockt der Atem vor soviel Radikalität. Es geht doch nichts über den Markenkern. 

P.S: Ich musste mal eine Veranstaltung mit Lindner organisieren. Ich war fasziniert von seiner Leere und Eisigkeit, gepaart mit schneidiger Stimme und all dem Wortmüll, der endlos, aber pointiert aus ihm rausschwallte, einer Puppe gleich, ohne Seele, ohne Empathie, ein politisches Retortenprodukt mit Kindergesicht. Westerwelle und Brüderle wirkten in Relation zu ihm wie die Ausgeburten an Herzlichkeit.

P.P.S.: Liebe Kinder, seit in der Schule immer nett zueinander, damit hernach niemand aus Frust  und Angst und Einsamkeit sein Heil in der Politik suchen muss.

Donnerstag, 16. November 2017

Wenn Frauen in der Küche stehen



Langsam werde ich wunderlich. Ich backe jetzt Brot. In einer Blaublech-Form. Wenn schon, denn schon.   

Manchmal denke ich, an mir ist eine Hausfrau mit drei Kindern verloren gegangen. Aber immer nur, wenn ich backe. Bisher waren diese Anwandlungen auf die Adventszeit beschränkt, wenn ich jede freie Minute meine Küche einsaue bei der Plätzchen-Bevorratung. Aber so'n Brot ist kein saisonales Produkt. Ich fürchte, ich werde mich nun täglich nach einem 70er-Jahre-Hausfrauendasein sehnen.  

Ab jetzt werde ich nicht nur nach einem langhaarigen, zynischen Personenschützer Ausschau halten, er muss auch noch verwitwet sein und kleine Kinder haben, die ich bebacken kann. Von mir aus kann er auch geschieden sein, aber dann muss die Frau nett sein, damit ich mich mit ihr befreunden kann. Von den Plätzchen würde ich ihr abgeben.

Vielleicht wäre sie praktischerweise eine Tupper-Beraterin, dann könnte ich große Eidgenossen und kleine Gewürzzwerge in ausreichender Menge bei ihr erwerben. Für den Übergang habe ich Frau Nachbarins Marmeladengläser okkupiert, um all die Körner halbwegs professionell vor Unbill zu schützen (Sie kocht im Sommer Unmengen an Marmelade, die sie aber nicht isst, weil sie keine Marmelade mag. Auf Hiddensee war ihre Garderobe stets eingeschränkt und monothematisch, weil sie den Koffer voller Konfitüre hatte, die sie an uns verfütterte. Auf dem Rückweg war ihr Koffer nicht leichter, weil sie ihre Steine-Sammlung vervollständig muss.) Seitdem sie ein Hochbeet hat, wird es täglich schlimmer mit ihr.   


Frauen meiner Generation haben es nicht leicht. Die erste Generation, für die es nicht zwingend logisch war, zu heiraten und Kinder zu kriegen. Was auch in der Folge zu einem nicht unerheblichen Teil versäumt wurde. Dafür dann mit 21 Jahren schon mit mehr Männern geschlafen, als unsere Mütter in ihrem ganzen Leben, was in der Regel nun auch wirklich kein Kunststück war. Mehr oder weniger geglückte Karrieren wurden gemacht, diverse Lebensabschnittpartner verbraucht, die Kemenaten weitgehend schnörkellos eingerichtet, aber kaum zeigt sich die Menopause am Horizont, wird gebacken und eingekocht, als kämen morgen die Russen. Ts... Ich erwäge den Kauf einer praktischen Kittelschürze.

Anderen scheint es ähnlich zu gehen:

Frau Lavendel
Soulweeper
 

Mittwoch, 15. November 2017

Singe wem Gesang gegeben

Vor einiger Zeit feierte die Dezemberaffaire Geburtstag. Sie lud zu meinem Schrecken in eine Karaoke Bar und so fand ich mich wieder im Berliner Nachtleben, dem ich mich eigentlich längst entwachsen fühle. 

Ich hatte meine Momente, time passes by, und seit längerer Zeit buche ich mit Freunden teure Ferienhäuser und dort wird gefuttert und gesoffen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit und wenn wir keine Häuser an Küsten buchen, dann besuchen wir uns, zur gehobenen Nahrungsaufnahme oder gehen woanders essen.

Nur unser Altersstarrsinn bringt noch ein bissel Pep in die Bude. Sobald ein geopolitisches Thema gestriffen wird, hauen wir uns die Köppe ein und wenn es ganz intim wird, gestehen wir uns Neurosen und Zwangshandlungen, die wir trotz all der Jahre nicht voneinander vermutet haben. Also, die Frauen machen Geständnisse und die Männer entwickeln zunehmend ein Blockwart-Syndrom und keifen falsch fahrende Radfahrer an.

Naja, nun aber bahnte ich mir meinen Weg durch die Bar, alles dicht besetzt von ausgelassenen Menschen, die sangen, lachten und applaudierten. Auf diese Bühne würde ich mich für kein Geld der Welt stellen.

Hinter der Theke ein Barkeeper und eine Frau, die die Musikanlage bediente. Eine außergewöhnlich hübsche, mit Beinen bis in den Himmel, langen blonden Haaren und, wie mir schien, völlig fehl am Platz. 

Was macht so eine Frau in so einer Bar? Und dann noch in der Privatlounge, wo doch schon aus pekuniären Gründen nur ältere Semester in der Lage sind, die Bude für einen ganzen Abend zu mieten und dann wahrscheinlich nur "Atemlos" brüllen. Sie sah dementsprechend gelangweilt aus, fast arrogant, aber das waren nur wieder die Spiegelneuronen oder sonstige Vorannahmen, die sie in kürzester Zeit Lügen strafte.

Erstmal standen wir so rum und redeten, soweit das ging bei der Lautstärke und keiner sang. Später griff die Dezemberaffaire zum Mikro und machte den Anfang. Ich als Skeptikerin sah mir das an, nicht mal besonders amüsiert und mir war klar, ich stell mich in diesem Leben nicht auf die Bühne.

Es opferten sich einige mehr am Mikrofon und die Frau an der Anlage begleitete das mit außerordentlich trockenem Humor und jeder Menge Wortwitz. Sie war warmherzig, aber so richtig von Grund auf warmherzig. Und weise. Klasse Kombination, findet man selten. Wenn ein Mann so einer Frau begegnet, kann ich nur raten, zugreifen und nicht denken, es kommt vielleicht noch was Besseres. Kommt nicht, garantiere ich. 

Was soll ich sagen, zwei Stunden später war ich kaum noch von der Bühne runterzukriegen und das wie immer im stocknüchternem Zustand, natürlich nicht alleine, immer im Verbund, soweit ging's dann doch nicht; dennoch, ich kann das nur jedem empfehlen. 
 

Samstag, 11. November 2017

Alles wegen Herrn Ackerbau

Nachdem Herr Ackerbau von einer schauerlichen Begegnung in der S 1 berichtet hatte, wurde mir nach dem Lesen Angst und Bange, denn heute musste auch ich in diese Geisterbahn. Als passionierte Autofahrerin und Heldin der Straße findet man mich selten im öffentlichen Nahverkehr. 

Wenn das aber mit den aus den Boden sprießenden Baustellen so weiter geht (und es wird so weitergehen, wie mir ein befreundeter Verkehrsexperte zuraunte), denke ich über ein zehnjähriges Sabbatical nach, bis endlich alle maroden Leitungen ausgetauscht sind. 

Da mir Autofahren also schon lange keinen  Spaß mehr macht in dieser maroden Stadt, entschied ich mich heute, die S-Bahn zu nehmen.

Da die S 1 mir immer vor der Nase wegfährt oder ausfällt, war ich sehr früh auf dem Bahnsteig; ich wollte einigermaßen pünktlich sein. Ich bin immer pünktlich, außer morgens. Morgens kann ich mich nicht zur Ordnung rufen. Ich schlumpfe und sumpfe und überlege täglich, ob ich mich krankmelde, damit ich in Ruhe weiter in der Ecke liegen kann. Wenn ich dann erstmal vor die Tür trete bin ich wieder ganz die alte, vor Vitalität vibrierende Frau. Aber dann ist es bereits zu spät, um pünktlich zu sein.

Heute jedoch nicht, Geradezu abartig früh war ich am Bahnsteig und dann kam die S-Bahn eine Minute später. Ich steige immer in den ersten Wagen ein, dann bin ich nah beim Zugführer und das gibt mir ein Gefühl von Kontrolle. Falls die Bahn mal im Tunnel stecken bleibt, könnte ich zur Not ein Gespräch mit dem Zugführer beginnen; das beruhigt mich. Nachteil: wenn er irgendwo drauffährt, erhöht es nicht meine Überlebenschancen, dass ich so nah bei bin. 

Ich saß direkt mit dem Rücken zu dem Führerhäuschen; eine Wohltat, da dann keine Leute an mir vorbeilaufen, denn ein Grund, nicht mit den Öffentlichen zu fahren ist die fehlende Privatspähre, oder anders ausgedrückt: all diese Leute. Die Hälfte hat ja ansteckende Tuberkulose.

Ich schloss die Augen, einerseits vor Müdigkeit, andererseits wollte ich nicht die drei spooky rothaarigen Damen entdecken, die schon Herrn Ackerbau angestarrt haben.

Am Nordbahnhof stieg ich aus, viel zu früh, noch eine Stunde bis zum Termin und ratlos, wie ich von dort aus zur Brunnenstraße komme. Ich bin ja völlig hilflos ohne Auto. Ich stieg auf gut Glück in eine Straßenbahn ein und wieder aus, denn es war die falsche Richtung. Also wieder zurück und da segelte der Supergau auf mich zu: eine Kollegin, die dasselbe Ziel hatte. 

Wenn ich was hasse, ist es die unverhoffte Möglichkeit, mich in ein Café setzen zu können, um Zeit totzuschlagen und dann jemanden zu treffen, mit dem ich reden muss. "Ich muss noch kurz zum ReWe" versuchte ich sie abzuschütteln. "Ich komm mit." Natürlich, natürlich, sie kommt mit. Wäre ich doch nur mit dem Auto gefahren!

Irgendwann sitzen wir dort, wo wir verabredet sind, in großer Runde, als letztes kommt eine Frau in den Raum mit schwarzem Haar und knallpinken Pullover, Sophia Loren in der späten mütterlichen Ausführung. Später gehe ich mal in die Waschräume und da passiert es. Ich gehe durch die unbekannten Gänge, auf der Suche nach dem WC, da öffnet in der Ferne eine Frau mit schwarzem Haar und knallpinken Pullover eine Bürotür und hinter der Tür steht eine weitere Frau mit schwarzem Haar und knallpinken Pullover. Aber wenigstens sehen sie mich nicht an.

Herr Ackerbau, ich glaube, du hast eine Massenpsychose ausgelöst!

Mittwoch, 8. November 2017

To Keep The Line

Die Radikale Heiterkeit hat in seinem Post "Grauer Glanz" auf zwei Frauen aufmerksam gemacht, von denen ich noch nie im Leben gehört hatte, deren Geschichte mich aber so gefesselt hat, dass ich mir die gesamte Dokumentation über zig Youtube Schnipsel à 10 Minuten angesehen habe. Und dann noch Ausschnitte aus dem Film mit Drew Barrymore und Jessice Lange, und später Interviews und alles, was ich sonst noch finden konnte. Die Verlinkungen findet ihr auf seinem Blog.

Ich mag mir nicht vorstellen, was die beiden Frauen bewogen hat, so ein Leben miteinander zu führen. Es ist eine ganz außergewöhnliche Geschichte.



Mittwoch, 1. November 2017

Auch du, Frank Underwood?

Was für eine Karriere da gerade den Bach runtergeht, alle Achtung. Neben all dem anderen Schmerzhaften, was in den letzten Tagen publik wurde, ist dies ein Fall, der mich besonders unangenehm berührt, weil ich ihn so mochte (soweit man eine Person mögen kann, die man nur aus Filmen kennt). 

Harvey Weinstein kann man aus der Ferne höchst unsympathisch finden, falls man sich je Gedanken über ihn gemacht hat, oder sein Gespür für gute Stoffe respektieren, aber Kevin Spacey - neben Robert de Niro einer der wenigen Schauspieler, der einem Wohlgefühl wie auch Unbehagen vermitteln kann, ich also das Gefühl hatte, sie spielen nicht nur sich selbst - jedenfalls Kevin Spacey mochte ich als Underwood ausgesprochen gerne; erst neulich sah ich an einem Wochenende die fünfte Staffel von House of Cards, von der es nun wohl keine sechste Staffel mehr geben wird, weil er der versuchten Kinderfickerei beschuldigt und womöglich auch überführt wurde (zumindest hat er es nicht abgestritten; nur eine Erinnerungslücke hat er geltend gemacht).

Seine hanebüchene Erklärung wurde bereits ausführlich kommentiert (während des ersten Lesens dachte ich, allerhand, man kann also beschließen, man sei ab jetzt schwul?), die "alte Klemmschwester" wurde er genannt und dass man gar nicht so "betrunken und ungeoutet" sein kann, um zu übersehen, dass man gerade im Begriff ist, ein Kind zu missbrauchen.

Wenn das alles stimmt, dann ist sein Absturz genau so überfällig, wie der von Harvey Weinstein.

Ich frage mich, gibt es überhaupt irgendjemanden auf dieser Welt, der oder die unbehelligt geblieben ist? 

Offenbar stehen die Chancen schlecht. Und immer wird gesagt, die meisten Misshandlungen finden in der Familie statt. Das mag stimmen, aber als ob das nicht reichen würde, geschieht einem draußen jedoch auch noch eine ganze Menge. Nur ein Beispiel:

Als ich jung war, verließ ich allein eine Disko (damals hieß das so). Auf dem Weg zu meinem Auto kreisten mich ein paar Männer ein und als ich ziemlich angstfrei Radau machte, sie sollen mich gefälligst in Ruhe lassen, bespuckten sie mich und liefen johlend weiter. Ich komme nicht umhin zu denken, dass ich damals noch recht glimpflich davon gekommen bin.

Ich könnte zig solcher Geschichten erzählen und ich bin mir sicher, dass fast jede Frau, die hier mitliest (und ich schließe nicht aus: womöglich auch fast jeder Mann) ähnliche Geschichten in petto hat. 

Und fast bin ich müde, das alles überhaupt zu thematisieren, weil es nichts ändern wird, all dieses #metoo, dieses teilen entsetzlicher Erlebnisse, außer dem Gefühl, man ist nicht allein, aber die Täter (und Täterinnen) wird es nicht davon abhalten, weiterhin hochgradig traumatisierend zu Werke zu gehen. 

Manchmal gehe ich durch die Straßen und frage mich, was wohl hinter den Fenstern für Tragödien passieren, in diesem Moment. 


Die Dame von Welt hat sich des Themas weitaus tiefsinniger angenommen. Sehr lesenswert. (Danke, Pantoufle, für den Hinweis)

Dienstag, 31. Oktober 2017

Der Kutscher kennt den Weg


  


Das hier ist war der attraktivste Kutscher von Hiddensee. Die eingeborenen Männer auf Hiddensee sind durch die Bank schwere Trinker, die im Sommer halb dun kutschieren, im Winter durchgehend saufen und ihre Ehefrauen unglücklich machen. 

Dieser hier war sicher keine Ausnahme, aber er sah gut aus, oder sagen wir: einigermassen unbeschadet. Sein Equipment  war ganz auf Individualtourismus ausgerichtet. Das Pferd rabenschwarz (alle anderen sind hell beige). Die Kutsche ein Vintage-Ding, in das nur vier Leute passten, unterschied sich ebenfalls von den üblichen Anhängern mit Zeltplanen für die Massenabfertigung. Mit dem Habitus eines einsamen Wolfes, gutmütig aber gedankenverloren flirtend, manifestierte sich sein Ruf.

Als wir ihn mal  für eine Kutschfahrt buchten, erzählte er uns seine Lebensgeschichte. Er sei "nicht von hier". Woher er denn käme, fragten wir. Mit einer ausladenden Geste deutete er in die Ferne. "Von Rügen komme ich", dramatisierte er die fünf Kilometer, die ihn vom Festland trennten, als sei er aus einem unendlich fernen Land gekommen. Unterdrücktes Gelächter unsererseits. 

Dann erzählte er uns, wie er von seiner Frau verlassen wurde, für einen Mann, der Kardiologe und Gynäkologe und Rechtsanwalt ist. Hört, hört! Ein Wunder der Technik und was hat dem ein Kutscher schon entgegenzusetzen? Aber "Nach zwei Tagen war ich schon drüber weg". Drei Wochen später lag er zwar im Krankenhaus, mit zwei aufeinanderfolgenden Herzinfarkten, mit nicht mal 40 Jahren. Aber da sah er keinen Zusammenhang.  

Nun war eine Freundin im Herbst auf der Insel und brachte die Nachricht mit, dass er nicht mehr lebt. Man wisse nicht genau, was genau passiert ist, nur dass sein Pferd durchgegangen ist. Das ist per se keine angenehme Sache, mit einer Kutsche hintendran  sind Tier und Mensch schnell verloren. 

Hiddensee ist um eine Attraktion ärmer.