Donnerstag, 23. März 2017

Gutaussehende Männer und ihre Abgründe

Seminar. Kleiner Kreis, drei Frauen, ein Mann und eine Trainerin, die uns beibringen will, wie wir Konflikte managen. Derer habe ich gerade im Überfluss und am liebsten bin ich überall, nur nicht im Büro. Also in einer Nacht-und Nebelaktion angemeldet und nun sitze ich hier.

Rechts von mir sitzt der Mann, links die zwei Frauen, die aus derselben Firma kommen. Schade für sie, sie können natürlich nicht offen reden; ist immer vertane Zeit, im Büroverbund derlei Ringelpiez zu buchen. 

Anyway, mein Motto ist ja stets: Was kommt, das kommt. Was nicht, das nicht. 

Der Mann sieht mich aufmerksam und ruhig aus großen braunen Augen an, bis auf den Grund der Seele, oder haarscharf an der Grenze zum starren; alles eine Sache der Bewertung. Dabei lächelt er sehr hübsch und ist überhaupt eine angenehme Erscheinung.  Ich bereue ein wenig, dass ich mich nicht aufgerüscht habe.

In der Pause sitzt er mir gegenüber und fängt an zu erzählen, woher er kommt und was er macht. Er lebt in Magdeburg und das hört man ganz leicht. Ich wundere mich, weshalb er sich nicht an die zwei jüngeren Frauen hält, das machen Männer doch so, nicht? Er ist ungefähr mein Alter und seine braunen Augen sind wirklich der Hammer. Sein Augenweiß ist wie mit Persil gewaschen, was einen Menschen ja immer unglaublich gesund erscheinen lässt. 

Dann erwähnt er sein Pferd. Sein Pferd! Ich bin elektrisiert. Das wird ja immer besser. Eine längere Litanei folgt, von wem und weshalb er es gekauft hat. Ein Kaltblut. Wie meins. Naja, nicht meins, aber das, auf dem ich dilettiere, ist auch ein grundgutes Kaltblut. Noch eine Gemeinsamkeit. Leider ist die Pause zuende. 

Ich kann der Trainerin kaum noch folgen, beschäftige mich mit zukünftigen Besuchen in Magdeburg, das kenne ich ein bisschen, der Kreuzgang im Dom ist zur Kontemplation geeignet und die Elb Auen sind auch nicht von schlechten Eltern. Magdeburg also. Aha. Nun gut. Hätte schlimmer kommen können. Nicht viel schlimmer, zugegeben, aber wenn die Liebe nunmal ruft.

In der nächsten Pause nehmen wir unser Gespräch wieder auf, er strahlt mich an. Ich strahle zurück. Er erwähnt, dass er keine Knieprobleme mehr hat, seitdem er reitet, weil das den Rücken stark macht. Wem sagt er das. 

Dann:

"Ist praktisch mein Therapiepferd."
"Wirklich? Sehe ich auch so, mir geht's so dermaßen gut, wenn ich im Stall bin. Brauche ich kein Konfliktmanagement mehr."
"Und ich war seitdem nicht mehr in der Klinik."
"Klinik?"
"Ja, wegen Depressionen. Bin ja so ein Suchttyp. Hab alles durch, kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich in der Geschlossenen aufgewacht bin. Aber jetzt kiffe ich nur noch."

Die zwei Frauen unterbrechen kurz ihr Gespräch und schauen zweifelnd rüber.
Ich schlucke.

"Die Ärzte sagen, ich habe eine drogeninduzierte Schizophrenie."
"Oh."
"Ja, aber seitdem ich das Pferd habe, ist alles okay."
 "Ah. Freut mich."

Noch mehr freue ich mich, dass die Pause zuende ist, ich nicht aufgerüscht bin und noch keine Adressen ausgetauscht wurden.

Ja, denke ich bei mir, morgen, am zweiten Seminartag, werde ich mir irgendwas anziehen, was enorm aufträgt, denn das mit Magdeburg und mir und ihm und seinem Pferd, das wird nun leider doch nix.

Dienstag, 21. März 2017

Bedeutende Dates

Ich bin eingeladen, um 16 Uhr soll ich bei ihm sein. Ich habe ein bisschen Hunger. Es soll sich rächen, dass ich annahm, es gäbe irgendetwas zu essen. Es gibt nicht mal was zu trinken. Genauer gesagt, mache ich gerade drei Schritte in seine Wohnung. Er bleibt gleich im Flur stehen und fängt an wie ein Wasserfall zu reden. Er spricht wie jemand, dem vieles im Kopf umhergeht und alles muss raus, sofort. Freie Assoziation. Nichts persönliches, sondern Name-dropping. 

Wen er alles kennt und wer ihn alles kennt, ist leicht zu googlen, seinen eigenen Wikipedia Eintrag hat er natürlich auch. Er bewegt sich in Kreisen, die ich interessant finde und in denen ich mich gelegentlich, sehr periphär, ebenfalls befinde. An so einem Abend habe ich ihn kennengelernt. 

Mich beeindruckt an einem Mann Wissen, Autonomie und Herzlichkeit. Mit Yachten braucht man mir nicht zu kommen (einzig ein eigenes Gestüt würde mich willenlos machen). 

Nach 10 Minuten im Flur unterbreche ich seinen Redefluss und bitte um eine Sitzgelegenheit. Wir gehen Richtung Wohnzimmer, bis zur Ankunft in diesen aus vielerlei Gründen beeindruckenden Raum vergehen weitere 20 Minuten, weil er mir - metaphorisch gesehen - jedes Staubkorn vorstellt. 

Natürlich handelt es sich nicht um Staubkörner, vielmehr fühle ich mich zusehends wie ein Staubkorn, denn ich habe unter anderem Zettels Traum nie gelesen und werde es auch nicht tun. Wie gesagt, ich bewege mich nur am Rande, ohne substanzielles Wissen, das wird mir gerade klar. Ich konstatiere insgeheim, dass meine Einschätzung, ich sei umfassend halbgebildet, wahrscheinlich einer krankhaften Selbstüberschätzung geschuldet ist. 

Was er aber auch alles weiß! Ich schwanke zwischen ehrlicher Bewunderung und einer zunehmenden Ungeduld, denn leider höre ich mich auch gerne reden, komme aber nicht zu Wort. Ein Lächeln hat sich in mein Gesicht gegraben, ich bekomme leichte Zuckungen, so anstrengend ist es, diesen gleichmütigen Gesichtsausdruck zu behalten. 

Ich kann es ihm nicht mal übel nehmen, denn mit  kindlicher, durchaus mitreißender Begeisterung hastet er von Thema zu Thema, er springt dauernd auf, um dieses oder jenes zur Untermauerung seiner Gedankensprünge zu holen, bedauerlichweise ist kein Tee darunter, der mich erwärmen könnte. Es ist saumäßig kalt bei ihm und ich sitze auf einem dieser Designerstühle, die immun gegen Körperwärme sind und ich beginne mir Sorgen um meinen ohnehin geplagten Rücken zu machen. 

Er ist ohne Dünkel oder lässt sich nicht anmerken, was er wirklich davon hält, wenn er einen Namen erwähnt, den ich erkennbar noch nie gehört habe; ich glaube, ich habe noch nie an einem Tag soviele Namen zum ersten Mal gehört. Er ist fraglos ein Mann mit einer Passion. Er kann sich versenken und die Welt draußen lassen, ist sich selbst genug. Es scheint ihm nichts zu fehlen, aber da er bei allem Redefluss und freundlicher (wenn auch nicht unbedingt gastfreundlicher) Herzlichkeit verschlossen wie eine Auster ist, kann ich das natürlich nur vermuten. 

Inzwischen sitze ich steifgefroren und so gerade wie möglich, jeglicher Illusion beraubt, dass ich ein heißes Getränk bekomme. Drei Stunden sind vergangen, ich habe ca 5% der Unterhaltung bestritten, was mir eigentlich sonst nur im Vabali passiert, weil ich dort grundsätzlich in stumme Tiefenentspannung falle. 

Jedenfalls habe ich zu Durst jetzt auch wirklich Hunger, aber hier wird's nichts geben, deshalb muss ich gehen, obwohl ich eine gute Zuhörerin bin und das sogar richtig gerne, wenn mir jemand etwas erzählt, was mich interessiert und womit ich mich verbinden kann. Hier allerdings bin ich nur Applausgemüse und das ist dann doch etwas fad. 

Der Weg nach draußen dauert auch wieder recht lange, denn es gibt noch weitere Staubkörner, die behandelt werden müssen. Er sagt, dass ich ihn bald wieder besuchen soll, er würde sich freuen. Ich glaube ihm kein Wort.

Donnerstag, 16. März 2017

Tschüss, Robert!


Heute haben wir unseren alten Chef zu Grabe getragen. Die Trauerhalle platzte aus allen Nähten. 

Einige habe ich nach 15 Jahren das erste Mal wieder gesehen. Unsere Prokuristin, stets eine vitale, elegante und strenge Dame - jetzt ein kleines, greisenhaftes Öhmchen. Die Buchhalterin, immer noch das Biest mit einem Blick, der tötet. Der legendär zynische Leiter der Belletristik - traumschön wie eh und je. Der trinkfreudige Hüter der "Jetzt zerstör ich ihn selbst"-Autoreparaturbücher begrüßt alle Frauen mit Handkuss. 

Nr. 1 war untröstlich. Er wurde vom Pfarrer in der Trauerrede öfter erwähnt als die Kinder. Recht so. Er war auch das eigentliche Kind, später Beschützer und engste Bezugsperson dieses so außergewöhnlichen Mannes. Sein Sohn spielt eine kambodschanische Weise auf der Flöte.

Wir blieben bis in den frühen Abend zusammen.

"Als ich meinen ersten Tag hatte, saß ich bei ihm im Büro. Da fiel ihm plötzlich etwas ein, er sagte, ich komme gleich wieder, warten Sie hier. Da saß ich dann, auf seinem Schreibtisch ein riesiger Bündel Geldscheine, unter dem Tisch der Schäferhund. Ich dachte, ich bin bei 'Versteckte Kamera'."

"Das erste Hoffest, ich bin fast irre geworden, weil die Tische nicht kamen. Und die ganzen Buchhändler aus der Umgebung standen schon da und wollten aufbauen. Dann schrie ich der Firma ins Telefon, aber das nutzte ja auch nichts. Kam Herr Kiepert und meinte, mal sehen, was wir im Keller haben. Und im Keller war wirklich alles!"

"Einmal lag er mitten im Landkartenladen auf den Boden, ihr wisst ja, die Birkenstocks neben ihm, in seiner ollen Lederweste schraubte er irgendein Brett wieder an. Er hat sich immer so gefreut, wenn was kaputt war, er hat doch so wahnsinnig gerne repariert. Kam ein Kunde vorbei und meinte zu seiner Frau "Die haben aber einen alten Hausmeister".

"Und wisst ihr noch, als die Frau von Nr. 1 Richard von Weizsäcker an der Kasse nicht erkannte und seinen Ausweis verlangte, als er seine Kreditkarte rüberschob? Und wie dann jemand Herrn Kiepert holte, und Weizsäcker widerum ihn nicht erkannte? Er war ja nicht so der Red Carpet Typ."

"Und wie ewig dieser Minister mit seinen Personenschützern stundenlang den ganzen Laden aufhielt. Aber er ist ein guter Käufer, sagte Kiepert immer."

"Als er den Schwächeanfall hatte und sich weigerte im Krankenhaus zu bleiben. Stellte den Tropf heimlich schneller und zwei Stunden später stand er wieder im Laden."

"Könnt ihr euch noch an die vier Putzfrauen erinnern? Jeden Morgen in der Küche konnte man vor Rauchschwaden den Kühlschrank nicht finden. Die waren eine Instanz und hatten echtes Bedrohungspotential." 

"Mich fragte er immer 'Und, wie geht's ihrem Sohn?' - 'Meiner Tochter geht's gut.' Jedes Mal dasselbe. Aber er hat sich eben um mein Kind gesorgt."

"Erinnert ihr euch noch an Pinkel-Paule? Dieser Vertreter, der jedes Mal, bevor er den Laden betrat, hinten auf dem Parkplatz ins Gebüsch pinkelte und der Trottel dachte, das sieht keiner. Niemand wollte ihm die Hand geben."

"Als Michael Jackson an zwei Abenden nach Feierabend im Haus war. Und ich blöde Kuh saß im Büro und glaubte der Kollegin nicht, die nach hinten kam und erzählte. 'Verarschen kann ich mich alleine.' Und am nächsten Tag kam sie wieder, und ich meinte 'Na, ist Michael Jackson wieder da? Ja? Verarschen kann ich mich alleine.' Naja, ich hab dann immer aus der Zeitung erfahren, dass er da war."

"Und wenn Günter, der Fahrer, von seiner Tour zurück kam, pfiff er alle zusammen und dann wurde gesoffen. Es wurde jeden Tag gesoffen, ein Grund fand sich immer."

Was waren das noch für Zeiten, als alle gleich wichtig waren. Putzfrauen, Hausmeister, Fahrer, Buchhändler, Vertreter - alle waren auf allen Festen.


 

Die Zeit vergeht, die Erinnerung bleibt. 

Dienstag, 14. März 2017

Die Digitalisierung - handmade

Als dieses Gequatsche von der Digitalisierung anfing, dachte ich bei mir "Hä? Hab ich doch schon längst alles gemacht."

Und das ging so: Als ich vor Jahren meinen Job als Assistentin begann (als Quereinsteigerin, weil mich nach Jahren im Außendienst die romantische Vorstellung ergriff, wie schön es sein muss, kein Geld mehr nach Hause bringen zu müssen ((=Exklusivverträge mit den berühmtesten Bibliotheken der Welt abzuschließen)) und stattdessen still in einem abschließbaren Vorzimmer zu sitzen und ganz in Ruhe alle geheimen Mails für Cheffe noch vor ihm zu lesen und meine Schlüsse daraus zu ziehen. 


Ab und an mal Termine für ihn vereinbaren, einen Tee kochen, eine Präsi bauen, die Post öffnen und verteilen - wenn sich das nicht nach stillen Tagen in Clichy anhört, dann weiß ich auch nicht.

Als ich mein neues Durchgangsbüro mit vier stets geöffneten Türen bezog, war eine gigantische Schrankwand befüllt mit Leitzordnern. Die Rückenschilder waren im Lauf der Jahre von allen möglichen Leuten in allen möglichen Farben beschriftet worden, in der Regel unleserlich.

Meine erste Maßnahme war, einen Aktenplan zu erstellen, einmal alphabtisch und einmal numerisch ausgedruckt (aber natürlich erst, nachdem ich die Ordner alphabetisiert und nummeriert hatte - war das eine Schweinearbeit). Dann baute ich eine Powerpoint-Präsentation für Rückenschilder, ließ die Firmenfarbe einfließen und tippte alle Nummern und Inhaltsangaben ein. Als alles neu beklebt war, sah die Wand gleich viel schöner aus, und Cheffe, der mich anfangs belächelte, nannte mich von da an anerkennend Orga-Nazi.

Ein Jahr später hatte ich längst festgestellt, dass diese Ordner bis auf ein paar wenige Ausnahmen nicht benutzt wurden. Also machte ich Cheffe Vorschläge, was ich entsorgen will. Kurz darauf wurde er entmachtet und den Neuen wie auch alle folgenden fragte ich gar nicht mehr. Jahr für Jahr verschwanden mehr Ordner und niemand fragte je nach ihnen.

Die, die in Benutzung waren, machte ich sukzessive überflüssig. Du meine Güte, es war ja auch alles im Laufwerk abgespeichert und ich machte mir verdammte Sorgen um den Regenwald, an dessen Vernichtung unsere Firma einen nicht unwesentlichen Anteil hat. 

Nun sind wir ja kürzlich alle umgezogen worden und ich wollte meiner potentiellen Nachfolgerin kein überflüssiges Erbe hinterlassen. Außerdem hatte ich keine Lust auf die Einräumerei. Ich hatte noch jede Menge Rechnungsordner, aber nach Rücksprache mit der Buchhaltung meinten die, ich brauche nur das vergangene Jahr aufbewahren, sie hätten selbst alles längst eingescannt. 

Mein Talent zum wegschmeißen lebte ich manisch aus und am Ende blieben von einst 241 Ordnern genau 11 Stück übrig. Wenn das keine Digitalisierung ist, dann weiß ich auch nicht. 

Wikipedia meint: "Der Begriff Digitalisierung bezeichnet die Überführung analoger Größen in diskrete (abgestufte) Werte, zu dem Zweck, sie elektronisch zu speichern oder zu verarbeiten. Das Endprodukt oder Ergebnis der Digitalisierung wird mitunter als Digitalisat bezeichnet."

Sag ich doch. Digitalsalat. Und jetzt tun die alle so, als hätten sie's eben erfunden. Das einzige, was es braucht, sind häufig wechselnde Chefs und verschwiegene, optimierungswütige Tippsen, die mutig ihre eigenen Entscheidungen treffen. 

Ich kann natürlich nicht damit angeben, weil es sich um eine heimliche Digitalisierung handelt.

Freitag, 10. März 2017

Tschäinsch Männädschmänt

Ich möcht's gar nicht laut sagen, nicht mal denken, aber fast wünsche ich mich in meine kleine Enklave zurück, ruhig vor mich hinliegend und die Welt da draußen Welt sein lassen, die mich nichts angeht. 

Wenn ich gewusst hätte, dass ich mal Cheffe nachtrauere, den ich für den Schlimmsten hielt und untoppable... ach du meine Güte, da wusste ich nicht im entferntesten, was das Leben noch alles für mich bereit hält.

Nun alles neu. Und viel besser. Ich kotz im Strahl und finde kaum noch Worte zu beschreiben, was da alles passiert, weil nichts passiert. Es ist ja so: Ein paar Leute denken sich Dinge aus, die nicht umsetzbar sind. Sie zentralisieren zum Beispiel. Aber ohne genügend Personal zu zentralisieren. Und digitalisieren. Jedenfalls sagen sie, dass das getan wird. Aber sie tun nix, damit es auch getan werden kann. Sie sagen es einfach so dahin und kraft Osmose soll es über Nacht passieren. 

Was vorher 70 Leute gemacht haben, sollen jetzt drei machen. Die noch gar nicht eingestellt sind. Macht nix. Muss trotzdem gemacht werden. Von wem? Wen interessiert's, es muss gemacht werden. Die Software muss dafür umgebaut werden, der Dienstleister schafft seit Monaten nicht, ein neues Tool dafür zu bauen. Macht nix, Mail an alle, ab sofort wird XY so gemacht mit Hinweis auf das Tool, das es noch nicht gibt. Inzwischen bin ich mir sicher, dass ich träume, ein extrem langer Traum ist das allerdings, der offenbar nicht enden will.

Noch eine Neuerung: wir sollen jetzt an mindestens drei Orten schriftlich darlegen, was wir so machen, wie weit wir sind, was wir demnächst machen werden, ob wir schon damit angefangen haben, wann wir anfangen werden, wann wir damit fertig sein werden. Und am Ende müssen wir das einmal pro Woche mündlich darstellen, damit auch alle anderen wissen, was wir machen, denn natürlich reicht es nicht, dass wir alles verschriftlichen, weil niemand die Zeit und keiner Interesse hat, zu lesen, was andere machen und wie weit sie schon gekommen sind. 

Anstatt die Arbeit einfach zu erledigen, muss ich Romane drüber schreiben, was ich gedenke zu tun.

Es gibt Kanban Listen, Wunderlist, White Boards und wir dürfen uns aussuchen, ob wir mit Post its oder Magneten arbeiten wollen. Ich möchte mir aussuchen, dass ich diesen Scheiß nicht mitmachen muss. Demnächst werden wir in einem Großraumbüro sitzen, weil man dann mitbekommt, woran die anderen arbeiten, das dient der internen Kommunikation und alle haben glücklich zu sein. Mir graut vor dem Tag.

Uns wird angeboten, Projekt-Management-Seminare zu besuchen, denn Projekt Management ist die heilige Kuh; es ist ein Wunder, wie bisher alles geklappt hat, als wir noch alle ohne dieses heißen Scheiß gearbeitet haben.

Neue Software, ganz wichtig. Sinnlos, zu erwähnen, dass die aktuelle hervorragend durchdacht ist und fehlerfrei funktioniert; das einzige, was man erntet, sind verächtliche Blicke, weil man sich gerade als unflexibler, vergangenheitsorientierter und sowieso viel zu alter Honk geoutet hat. 

Die neue Software ist instabil, grottenlangsam und katapultiert in die Anfänge des Computerzeitalters zurück, weil sie derart umständlich programmiert ist, dass man weinend über dem Bedienerhandbuch zusammenbricht. Denn natürlich sind Schulungen out (ebenso wie Mittagspausen). Alle Tage kommen 37seitige Handouts per Mail, die zu lesen niemand Zeit hat. All der Kram wird in Ordner verschoben und gammelt vor sich hin, ein jeder ist auf der Suche nach jemandem, der es einem erklären kann. 

Die Grundstimmung ist schleichende Verzweiflung und innere Kündigung. Jeder, der kann, rettet sich woanders hin. Ihnen wird verächtlich hinterher gelacht, wo der jetzt gelandet ist, lächerlich. Von dem Glücklichen bekommt man sms, dass es wie auf Kur sei, dort wo er jetzt ist. "Hol mich hier raus" wird neidvoll hinterher geseufzt. Die, die schon bei uns niemand mehr will, verharren resigniert und desillusioniert, weil sie woanders auch nicht mehr marktfähig sind. 

Wie die Lemminge versuchen wir zu schaffen, was nicht zu schaffen ist, niemand begehrt auf, denn wenn man das tut, dient das nur der eigenen Existenzvernichtung. 

Mein Mantra: es ist nur Arbeit.

Sonntag, 5. März 2017

My Own Personal Jesus



Vorab: Madame ist wieder auf den Beinen, bzw. sitze ich wieder wie eine Eins. Kerzengerade auf einem Pups-Kissen

Meine Erleichterung könnte nicht größer sein. Als ich Montag das erste Mal bei der Physiotherapie war, hatte ich keinerlei Erwartungen hinsichtlich einer Verbesserung meiner Beschwerden. Wie könnte auch ein wenig auf dem Rücken herumdrücken den Schmerz verringern? Eher rechnete ich mit einer Verschlimmerung; ich hatte mich unterdessen mit einer verkrampften Schonhaltung abgefunden und befand mich im steten körpereigenem Deeskalationsmodus. Bis auf Spaziergänge keine ruckartigen und auch sonstigen Bewegungen. 

Nach drei Terminen kann ich schmerzfrei sitzen, gehen, stehen und liegen und das hat mich derart euphorisiert, dass ich mir neben zwei Pups-Kissen (eins für's Büro, eins für zuhause) noch drei Paar Schuhe gekauft habe. Letzteres sieht mir gar nicht ähnlich. Aber ich hatte ja zwei Wochen lang dem Bruttosozialprodukt geschadet und begann sofort mit Stützkäufen. 

Ich konnte sogar eine Karriere als Berliner Urgestein beginnen. Ich saß in einem kleinen Tempelhofer Park, in der Nähe der Praxis, auf einer Bank, der direkt gegenüber eine zweite stand. Ich legte die Füße hoch und genoss die Sonne und das Leben ganz allgemein, auch wenn ich nicht sicher war, ob es klug ist, die Beine hochzulegen. 


Bis drei Jugendliche kamen, zwei Jungs, ein Mädchen, die fragten, ob ich die zweite Bank brauche. 

Nein, natürlich nicht, nehmt sie mit. Einer der Jungs meinte "Ich hab die Hände voll" und flugs ergriff das Mädchen und der andere Junge die Bank und dann kam mein Einsatz. "Ick gloob es hackt! Ihr werdet doch nich das Mädchen schleppen lassen?" 

Es war eine wirklich schwere Bank. Und der Junge hatte nur einen Kaffeebecher in der Hand. Man muss auch im öffentlichen Raum auf Missstände aufmerksam machen. 

Dann ging ich ins Kang Feng und labte mich am Mittagsbuffet. Eigentlich sind all-you-can-eat-Konzepte reine Verschwendung für mich, weil ich immer nur esse, bis ich satt bin und das geht schnell. Ich kann zwar 14 Mal am Tag essen, aber nie viel. Ich saß dennoch anderthalb Stunden, erstens hatten die GALA und BUNTE zum angucken (eine überaus peinliche und durch nichts zu entschuldigende Schwäche von mir) und zweitens freute ich mich so, dass ich wieder sitzen und aufstehen konnte, so lange und so oft ich wollte. 

Neben mir saß ein weiteres Berliner Urgestein. "Nee, ick sach dir, bei der Bärbel muss dis psüchisch sein, keen Wunder, bei der Belastung mit Horst. Ick sach dir, ab 55 zählt jedes Jahr. Wennde erstma 60 bist, isses nich mehr so schlimm. Aba ab 55, da wird's unjemütlich. Ick hab so schlimm Rücken jehabt, kann sich keen Mensch vorstelln."

Doch, ich konnte es mir vorstellen und sah mit angstgeweiteten Augen rüber, zu meiner Zukunft. Sensibel wie sie war, nahm sie meinen Blick auf. "Sie doch nich! Sie sehn so fit aus." Eine barmherzige Lüge, die ich dankbar glaubte. 

Später ging ich zu Video World. Seit drei Tagen warte ich auf die Rückgabe der 6. Staffel von Modern Family. Wieder nix. Der Mann am Tresen fragte, ob er mir die Telefonnummer des Mannes geben soll, der die Staffel ausgeliehen hat. Ich schaute perplex. Er geriet in Ekstase und strahlte mich an "Aber vielleicht wird was Wunderbares daraus!" Natürlich, natürlich. Soll er mir mal lieber seine eigene Telefonnummer geben, dann sehen wir weiter. 

Gestern der Höhepunkt der Woche: DoKo, von 19.00 bis 3.00 Uhr morgens. Kein Problem. Ich bin geheilt. 

Jetzt muss ich nur noch meiner Physiotherapeutin ein Geschmeide kaufen, denn ihr gilt all meine Dankbarkeit und unverhohlene Bewunderung. Ich habe noch drei weitere Termine bei ihr und bis dahin werde ich mich zu ihrer besten Freundin gemacht haben, ich will sie nicht mehr missen. Da wird was ganz Wunderbares draus.