Montag, 15. Januar 2018

Auf der Flucht

Auf dem Weg nach Hause fährt plötzlich ein Auto neben mir, es bleibt auf meiner Höhe. Ich bin genervt. Was soll das? Ich geb Gas. Er gibt Gas. Ich bremse, er bremst. Ich wechsel die Fahrbahn, er wechselt sie auch.

Mir wird unbehaglich. An der Ampel, die ich bei hellrot überquere, bleibt er stehen. Abgehängt.

Denke ich. Auf der Autobahn holt er mich wieder ein, bleibt dicht hinter mir, fährt dann wieder neben mir. Ich schau starr geradeaus, erstmal ist das auf der Autobahn immer gesünder, zweitens erkenne ich bei einem flüchtigen Blick nach links niemanden, es ist ja dunkel.

An der nächsten Ampel fahre ich bei rot drüber und drück dann auf die Tube, es hat keinen Sinn, er holt mich wieder ein. Fährt wieder neben mir. 

Ich bekomme es mit der Angst zu tun und überlege, wo sich in der Nähe eine Polizeistation befindet, zu der ich  mich flüchten kann, aber ich habe keinen Schimmer. Da ich sehr schnell fahre, kann ich auch google maps nicht befragen, meine ganze Aufmerksamkeit brauche ich, um diesen Idioten hakenschlagend abzuhängen. 

Dann kommt die große Kreuzung, an der ich links abbiegen muss. Da ist immer eine ganz lange Schlange und ich baue beinah einen Unfall, weil ich in letzer Sekunde halsbrecherisch nach rechts ausschere; das Auto hinter mir muss eine Vollbremsung machen und ich schramme gerade so an dem Auto vor mir vorbei. Dann rase ich mit 80 Sachen auf die Kreuzung zu und biege dann in zweiter Reihe links ab. Unmöglich, mir dabei zu folgen. Alles hupt und hält mich für irre.

Nimm dies, du Arsch, dich bin ich los. 

Ich fahre mit Affentempo weiter und bin heilfroh, als ich in die Seitenstraßen einbiege, die mich im Zickzack zu meiner Wohnung führen. Kein Auto mehr hinter mir. An der letzten kleinen Kreuzung kommt mir der Verfolger ENTGEGEN. Ich mache mir in die Hose. Ich versuche mich zu beruhigen, vielleicht ist er es gar nicht. Er kann es gar nicht sein.

Biege zitternd in meine Straße ein und fahre in eine Einfahrt. Der Verfolger bleibt hinter mir auf der Straße stehen und wartet mit laufendem Motor. Ich sitze in der Falle und schließe mit meinem Leben ab. Es ist 20 Uhr abends, und ich wohne im "Grab im Grünen", niemand wird mich hören. 

Gut dass ich den Kugelschreiber dabei habe, neulich hatten wir im Büro ein Sicherheitstraining für Frauen und da habe ich gelernt, dass nichts über ein Kugelschreiber geht, mit dem ich dem Angreifer von oben ins Gesicht steche, oder noch besser, von vorne, direkt ins Auge. 

Vorsichtig öffne ich die Autotür, der Verfolger öffnet sein Fenster und ruft: "Ich wollte dir nur sagen, ich bin nicht dein Stalker, nicht dass du dir Sorgen machst!"

Fassungslos seh ich in die Gesichter meiner neuen Nachbarn, die vor vier Wochen hier eingezogen sind. Sie kommen aus einem Kaff. Er ist als Polizist hierher versetzt worden, daher konnte ich ihn auch nicht abschütteln, schätze ich. Der ist ja staatlich geprüft in Verfolgungsjagden.

Ächzend sage ich: "Spinnst du? Ich hätte beinah einen Unfall wegen dir gebaut!"

"Als wir dich in Charlottenburg entdeckt haben, habe ich immer neben dir gewunken und als du dann so fluchttartig gefahren bist, bin ich hinter dir her, um dich zu beruhigen und dir zu zeigen, dass nur wir es sind, aber du hast ja nie zu uns rüber geguckt. Ich wollte nur, dass du dir keine Sorgen machst."

Ich muss ihm noch klarmachen, dass man sowas in Berlin nicht macht. 




Mittwoch, 10. Januar 2018

Read the fucking manual

Jetzt habe ich doch dieses Sonderangebot mit all den Serien. Am Wochenende habe ich ja schon mal den Karton ausgepackt. Dann war da keine Smartcard dabei. Mail an den Anbieter. Zu Hülfe! Antwort: Die Smartcard ist dabei. Schtümmt. Ich hatte nicht alle Briefe geöffnet. 

Zwei Tage später mutig die Smartcard reingeschoben. Nix passierte.

Gestern nach dem Krankenhausbesuch die Auftragsmörderin gebeten, mir das Ding einzurichten. Ich vertraue ihr restlos. Sie kommt auch einen Schritt weiter: auf dem Bildschirm steht, dass das jetzt 60 Minuten dauert. "Der Rest ist selbsterklärend". Dann fuhr sie heim. Ich sah ihr zweifelnd hinterher.

Nach 60 Stunden gab ich auf, Mail an den Anbieter. Heute Antwort: "Wir haben versucht, Sie anzurufen, aber Sie waren nicht da."

Komme heim: kein Anruf auf dem AB. 

Also rufe ich an. Der Mensch dirigiert mich durch das Geschissel.
Zwei Fehler: 1) TV Gerät war noch nicht auf den Kanal HDMI umgestellt. 2) In den mitgelieferten Batterien der Fernbedienung war kein Saft - kein Wunder, dass nix passiert ist. 

Den dritten Fehler fand ich dann ganz allein: die SmartCard habe ich falsch rum reingesteckt.

Und dann war alles selbsterklärend. Ich kam zum Schluss: nachdem ich mein W-Lan Code unfallfrei eingegeben hatte, wollten die jetzt eine PIN haben, erst die temporäre und dann die von mir geänderte (das immerhin hatte ich schon vor Tagen online eingerichtet). Ich war stolz auf mich. Ich hatte mir auch alle Zahlen notiert. Mir standen aber 4 Codes zur Verfügung, aber leider gab ich zuerst die anderen drei (falschen) ein. 

Und jetzt? Geht gar nix mehr.

Ich kotz im Strahl. 


Edit: Es geht doch. Ich bin eine Heldin. 


Am nächsten Tag: Ich schalte heute ein und nichts geht mehr. Ich rufe an. Diesmal eine Frau dran. Sie leitet mich und findet weitere Fehler. Das Kabel ist falsch gesteckt. "Aber gestern ging doch alles!" Egal, ich bring mich halb dabei um, hinterm Fernseher alles neu zu stecken, dann geht die Chose und ich lehne mich zurück und alles klappt. Ich schau mir was an, eine halbe Stunde, plötzlich friert der Bildschirm ein. Nix geht mehr.

Ich rufe wieder an. Jetzt ist ein Mann dran, er hat so ein mitleidiges Timbre in die Stimme gelegt. Ende vom Lied. Alles zurück auf Werkseinstellungen. Jetzt programmiere ich alles neu. Das dauert wieder Stunden.

Bis zum 16.1. habe ich Widerrufsrecht. Wenn es bis dahin nicht klappt, schicke ich den Krempel zurück. Ich hab' die Schnauze gestrichen voll. 

Dienstag, 9. Januar 2018

Nie, nie wieder reiten

Während ich auf Usedom schlief, blieben meine Freundinnen, die Auftragsmörderin und die Dezemberaffaire, in Berlin nicht untätig. Sie taten gewissermaßen alles, um ein wenig Schwung in die Sache zu bringen.

Die Auftragsmörderin wollte ins Glück springen. Das ist so ein blöder Brauch, der - vollständig ausgeführt - beinhaltet, dass man Punkt Mitternacht in roter Unterwäsche dreimal vom Stuhl springt und dabei 12 Weintrauben isst. Sie wurde nur informiert, dass sie jetzt vom Stuhl zu springen habe, ins neue Jahr, ins Glück halt. 

Sie tat wie ihr beschieden, nur war der Boden glitschig, weshalb es ihr die Beine wegschoss und sie mit dem Hinterkopf auf die Stuhlkante krachte. Sie sah doppelt, ihr war schwindelig, es tat auch ziemlich weh, aber ein anwesender Arzt meinte "Du sprichst ja noch ganz ordentlich und kotzen musst du auch nicht, alles okay." Weshalb sie dann noch bis 4 Uhr morgens weiterfeierte, aber mit höllischer Nackensteifigkeit am nächsten Tag erwachte und auch die Doppelbilder verschwanden nicht. Das beobachtete sie zwei Tage, bis sie ins Krankenhaus ging. 

In der Notaufnahme musste sie gar nicht lange warten, sie wurde umgehend in die Röhre geschoben. Glück gehabt. Keine Blutungen, kein Bruch. Es ging ihr gleich besser.

Heute sms von der Dezemberaffaire. Sie sei vom Pferd gefallen, 5.ter Lendenwirbel gebrochen, sie sei im Krankenhaus, ob man ihr was zu lesen und Make up vorbeibringen könne. 

Die Auftragsmörderin und ich rasten los und dann lag sie da, kläglich im OP Hemd. 

Gestern hatte sie eine Reitstunde auf ihrem Pferd, ein riesiges Tier, das sie seit acht Jahren besitzt. Er war schon die ganze Stunde tricky, so wie Pferde im Winter immer sind, deren Wohlfühltemperatur ist nämlich 5 Grad und man tut gut daran, sie zunächst ohne Reiter zu scheuchen, damit sie ihre überflüssige Energie loswerden. Das hat sie aber nicht getan und einen Tag zuvor wurde er gar nicht geritten. Er war also unter Dampf.

Am Ende der Stunde wollte sie ihm ein bisschen Galopp gönnen. Das fand er überfällig und 900 Kilo liefen wie von Sinnen und bockend los. Sie dachte noch "Oh je, ich werde absteigen", da öffnete jemand die Hallentür, was das Tier zu einer Vollbremsung animierte. Sie flog im hohen Salto kopfüber über das Pferd und landete auf dem Rücken, schnappte nach Luft und hatte erhebliche Schmerzen im Rücken. Sie wollte gleich aufstehen, aber alle Anwesenden machten alles richtig und hinderten sie daran.

Der Krankenwagen wurde gerufen, man transportierte sie ab, schob sie in die Röhre, glatter Bruch, aber irgendeine Hinterwand war stabil, daher keine Querschnittslähmung. Man beriet, ob man operieren solle. Sie fragte den Arzt, wie hoch ihre Chance sei, unter der OP eine Lähmung zu bekommen. "Leider stehen die Chancen sehr hoch" meinte der Arzt, weshalb sie von einer OP absah. Nun liegt sie und für eine ganze Weile muss sie liegenbleiben. 

"Ich werde nie wieder auf dieses Pferd steigen. Der hat mich schon dreimal abgeworfen, weil er aus dem Nichts wie ein Wahnsinniger losgerannt ist. Da hatte ich immer nur Rippenprellungen. Es reicht. Der wird verkauft." Und dann schob sie hinterher:

"Er ist ja kein böses Pferd." 
"Naja" sagte ich, "Das sehe ich ein bisschen anders. Wann immer ich den gestriegelt habe, wollte er mich an die Wand drücken und er hat pausenlos mit dem Kopf geschlagen, um den Panikknoten zu lösen. Wenn ich da an das Pferd denke, das mich betreut hat, eine Seele von Kamel."

(Ganz ehrlich? Ich werde auch nie wieder auf ein Pferd steigen. Beschlossene Sache. Dieser erfahrenen Reiterin ist das passiert, wovor ich immer Angst hatte. Ein Fluchttier ist ein Fluchttier ist ein Fluchttier. Steckste nicht drin.)


Ansonsten hat sie ihren Optimismus nicht verloren. Sie ist sich sicher, am Wochenende nach Hause zu kommen, was sehr zur Erheiterung der Ärzte beigetragen hat. Sicherheitshalber hat sie uns für Sonntag zum Doppelkopfspielen eingeladen.  

Ich bin so froh, dass ich die beiden nicht im Rollstuhl schieben muss. 




Montag, 8. Januar 2018

Heute vor zig Jahren...

... frühstückte ich ein letztes Mal in meiner ersten eigenen Wohnung mit meinen Freundinnen aus dem Kaff, packte meinen kleinen Fiat voll und fuhr nach Berlin, für immer, nein, für zwei Jahre, nahm ich mir vor, dann würde ich zurückkommen oder nach Hamburg ziehen. Ich hatte ein Nomadenleben geplant, aus dem dann doch nichts wurde. Einzig, dass ich bis heute keinen Bohrer in die Hand nehme, um Handtuchhalter in die Fliesen zu dübeln und stattdessen welche aus Gummi benutze, die sich an der Wand festsaugen, damit ich jederzeit schnell wieder abhauen kann, erinnern an das Mädchen, das ich war, als es in die große weite Welt zog. 

Im Kaff wohnte ich in der Ackerstraße und nahm es als Zeichen, dass meine erste WG in der Hackerstraße beheimatet war, direkt hinter dem Forum Steglitz. So gesehen war ich gleich wieder in einer Art Kaff, denn im Haus wimmelte es von WGs; damals konnte man sich gar nichts anderes vorstellen, als in WGs zu leben. Der einzige Unterschied zum Kaff war, dass man keine Parkplätze finden konnte. 

Direkt gegenüber in der Hauptstraße gab es das Café Melanie und die Music Hall. Ich weiß noch, was ich trug, als ich meinen ersten Tag in der Buchhandlung Kiepert anfing: eine schwarze Jeans, einen kurzen schwarz-dunkelblau gestreiften Pulli mit Dreiviertel-Ärmeln und U-Boot-Ausschnitt. Wenn's nach mir ginge, liefe ich heute noch so rum. Es waren die Achtziger und ich die Königin des nachlässigen toupierens.



Bei Kiepert ging es sehr lässig zu, ganz anders, als in der Buchhandlung im Kaff, dem ersten Haus am Platz. Der Chef sah aus wie Dieter Thomas Heck und zwang uns den ganzen Tag zu stehen, egal, ob Kunden im Laden waren oder nicht. Als eine Azubine für eine besonders gelungene Schaufenster-Deko eine Reise nach New York gewann, trat die Reise selbstverständlich der Chef mit seiner grässlichen Frau an. Ganz anders in Berlin. Es wurde überall gequalmt und gesoffen und jeder einzelne Buchhändler war ein Crack in seinem Gebiet. 

Ich verbrachte die Tage todmüde in der Buchhandlung, schlief in der U-Bahn, denn die Nächte hatte ich weiß Gott Besseres zu tun, als zu schlafen. Das machte aber nichts, denn ich hatte fast nichts zu tun. Im Kaff war ich pausenlos auf den Beinen, war eine eierlegende Wollmilchsau und in Berlin hatte ich ein kleines Arbeitsgebiet ganz für mich allein. Nach zwei Sunden war ich mit allem fertig und fragte nach mehr Arbeit. "Kind, du versaust die Preise. Beeil dich halt nicht so." Mir war's recht, denn mein Fokus war komplett auf mein Privatleben gerichtet. 

Das WG Leben war herrlich und ich hatte überhaupt kein Heimweh. Ich ging in die Bagwahn Disko, ins Glückstein, ins Metropol und die anderen Namen fallen mir nicht mehr ein. Ich hatte haufenweise Affairen mit Männern, von denen ich rein gar nichts wollte, denn ich liebte ja den Stones Fan, der unsere unselige Beziehung fortsetzte, indem er drei Monate später auch nach Berlin zog und dessen Herz ich ebenso brechen wollte, wie er meins. 

Berlin war eine Wucht und nach zwei Jahren dachte ich im Traum nicht daran, nach Hamburg zu ziehen und schon gar nicht, zurückzugehen. 

***

Der eine Verflossene, der ein paar Jahre wie ein viertes Kind von meinen Eltern geliebt wurde, feierte kürzlich sein Betriebsjubiläum im Kaff. Ein sehr kunstfertig geschnittenes und vertontes Filmchen über die Feier hat er auf seiner Website. Ich sah es mir an, wie er da stand oder tanzte oder sprach mit seiner Frau, seinen Kindern, seinem Hund, seinen Mitarbeitern, dem Oberbürgermeister und all den Gästen. Er sah glücklich aus. Alles richtig gemacht, dachte ich. Und einen kurzen Moment, dass ich ihn damals lieber hätte etwas später kennenlernen sollen und dann wäre ich gar nicht weggegangen.

Sonntag, 7. Januar 2018

Revolution im Schlafzimmer

Nach meiner Rückkehr aus Usedom musste eine neue Matratze her, denn kein Mensch kann von mir verlangen, dass ich auf watteweich gebetteten Tiefschlaf verzichte, jetzt wo Gott mir gezeigt hat, was alles möglich ist. 

Also überall testgelegen bis sich endlich das Usedom-Gefühl einstellte. Und so ein Glück: vorrätig. Zwei Tage später kam das gute Stück geliefert. Genau an dem Tag, als ich abends Gäste hatte. Ich konnte kaum erwarten, bis endlich alle weg waren und ich ins Bett konnte. 

Allein: das wohlige Gefühl wollte sich nicht einstellen. Verdammt hart, die Matratze. Das war im Geschäft noch ganz anders. Sie und ich, wir waren wie zwei Magnete, die man verkehrt herum aneinander hält. Sie hielt mich auf Abstand und ich verbrachte eine unglückliche Nacht. 

Am nächsten Tag zurück ins Geschäft. Es stellte sich raus, dass mir ein falscher Härtegrad (H4) geliefert wurde. Nun werde ich H2 geliefert bekommen, aber erst in ein paar Wochen. Bis dahin werde ich nächtens über dem Bett schweben, so stark ist die Abstoßungskraft dieser beinharten Unterlage. Vielleicht bin ich ihr auch nicht sympathisch. 

Oder noch schlimmer: Die planen alle gerade eine Revolution: Aufstand der Matratzen. Planet der Matratzen. Die Rückkehr der Matratzen. Das würde mich nicht wundern. Die haben sich seit Jahrhunderten unsere Gewohnheiten aus allernächster Nähe abgucken können, denen ist nichts entgangen. Wahrscheinlich können die unsere neben uns liegenden Smartphones längst per Telekinese bedienen und haben einen Twitteraccount, auf dem sie sich zu konzertierten Aktionen verabreden. # Don't sleep on me

Dann hatte ich mich im neuen Jahr noch zu etwas anderem entschlossen: fast alle meine Freunde haben Netflix oder Sky oder noch was anderes, nur ich zitiere weiterhin aus der FAS. Jetzt habe ich so ein Angebot bekommen und ausnahmsweise auch bestellt. Das Gerät kam 20 Minuten später, aber zu der Geisteskraft, die es braucht, so ein Ding anzuschließen, benötige ich das Wochenende und davon frühestens den Sonntag. 

Gegen 12 Uhr war ich heute soweit, das Ding auszupacken. Alles ging ganz einfach, bis ich zu dem Punkt kam "Schieben Sie hier Ihre Smartcard rein". Isch 'abe gar keine Smartcard. Obwohl ich sie extra mitbestellt hatte. Anruf bei der Auftragsmörderin, der Fachfrau für Fernsehangelegenheiten. "Die kommt extra in einem Brief." Aha. 

Am liebsten wollte ich gleich wieder ins Bett gehen. Aber da bin ich ja auch nicht erwünscht. 

 

Dienstag, 2. Januar 2018

Freunde zu Gast auf Usedom

Wenn sie sagt, wir fahren um 12 Uhr los, weiß ich, dass sie spätestens um 11.50 Uhr mit laufendem Motor vor meiner Tür steht und losfährt, sobald ich ein Bein ins Auto gesetzt habe. Deshalb heißt sie im allgemeinen "Der Galopper". 

Dieses Mal übertrifft sie sich selbst: um 11 Uhr ruft sie an, ob wir auch schon um halb zwölf losfahren könnten, was mir einen Schwächeanfall beschert, denn ich bin nicht mal geduscht. Ich musste ja packen für 5 Tage an der See. Bereue, dass ich nicht in einem der anderen zwei Autos mitfahre; die haben allesamt eine gemütlichere Konstitution. 

Mit nassen Haaren sitze ich 45 Minuten später im Auto, leider hinten, denn vorne sitzt ihr Kamerad. Mit den beiden im Auto zu sitzen, ist herausfordernd, denn er gibt ihr pausenlos Tipps, wie sie fahren soll und das gibt nach kürzester Zeit ein Inferno. Dieses Mal schaffen sie es, sich erst kurz vor Wolgast in die Haare zu kriegen. Für seine Verhältnisse eine außergewöhnlich lange Zeit, die er sich zusammenreißen konnte. 

Seine Ratschläge sind vollkommen überflüssig, denn sie ist eine der besten Autofahrerinnen, die ich kenne. Sehr zügig, mit Weitsicht. Mit ihm zu fahren erfordert ein gewisses Maß an Todessehnsucht und falls man gläubiger Katholik ist, einen Priester in der Nähe. 

Glücklich angekommen inspizieren wir unser Haus, das alles an Luxus hat, was man sich nur wünschen kann und wir uns nur deshalb leisten können, weil wir ziemlich viele Leute sind. Ich bin sogar sicher, dass es hier keine Spinnen gibt, weil das Haus innen wie außen blitzeblank aufgeräumt wirkt. Noch am ersten Abend wird mir ein riesiges Viech im Glas präsentiert, das sich in eins der Schlafzimmer mogeln konnte.

Das Beste aber sind die Betten. Nach der ersten Nacht wache ich glücklich auf und überlege, wie ich die Matratzen unauffällig nach Berlin transportieren kann, aber das scheitert daran, dass unfassbar viele Fressalien mitgenommen und, wie ich aus Erfahrung weiß, ebenso viele wieder zurück nach Berlin gekarrt werden. Nicht etwa, weil wir nichts gegessen hätten, sondern weil täglich neue Vorräte angeschleppt werden, was ich Jahr für Jahr kopfschüttelnd zur Kenntnis nehme. 

Jeden Tag werden ellenlange Wanderungen gemacht, von Karlshagen nach Zinnowitz, von Ahlbeck nach Heringsdorf und zurück, von Karlshagen nach Peenemünde und einige von uns laufen schon vor dem Frühstück 10 Kilometer. Deshalb sind auch alle schon nach dem Sandmännchen um 22 Uhr im Bett, was mir eine Zeit der inneren Einkehr und Kontemplation beschert, denn ich bin eine Nachteule, relativ gesehen in diesem Kreis der Früh-zu-Bett-Geher. 

Eine von uns verunfallt auf der Treppe, ein spitzer Schrei, das Knie ist verdreht, wir verharren sämtlich in einer Schrecksekunde, bis sich die Frauen in Bewegung setzen, während die Männer in Stase bleiben. Dem Osteopathen gebe ich einen Behandlungsauftrag, woraufhin er sich seines Berufes erinnert und Notfallmaßnahmen einleitet. Die Verunfallte ist kalkweiß und bringt keinen Ton mehr heraus, weshalb ich ein Glas Wasser bringe, das ihr eine andere reicht. 

Und dann trennt sich die Spreu vom Weizen. Als Ostmädchen ist sie hart im Nehmen, bittet nach fünf Minuten um eine Kniemanschette und sagt, es nützt ja nichts, wir gehen jetzt los und reden kein Wort mehr drüber. Ich bin fasziniert. Zwei Ostmädchen, zwei Westmädchen. Letztere besprechen hsyterisch jedes Wehwechen, erstere machen weiter, als sei nix gewesen. Weltniveau!

Silvester ist Raclette geplant. Morgens laufen wir nach Peenemünde, weil ich unbedingt zum U-Boot will, das mich immer wieder begeistert, wie es da so rostend und düster im Wasser liegt. Ebenso die morbide Ruine des Wasserwerks, in und aus dem riesige Bäume wachsen und das unheimliche Geräusche macht, wenn es stürmt. Peenemünde ist schauerlich, ich mag's trotzdem. 

Mittags kommen wir zurück und dann wird geschlafen. Ich kann einfach nicht genug von diesem Bett bekommen. Gegen 18 Uhr fangen wir mit dem schnippeln an, um 19.30 sitzen wir am Tisch, in Schlumperklamotten, nachdem wir zuvor beraten haben, ob wir uns schick machen sollten, was aber niemand wollte, Gottseidank. Um 21 Uhr sind wir mit dem Essen fertig, Unmengen sind übrig, um 22 Uhr ist die Küche aufgeräumt. Allgemeines Bedauern über unseren gründlichen Pragmatismus, aber es hilft ja nix. Anscheinend sind wir langweilige Trantüten mit Sauberkeitsfimmel geworden, ohne dass wir es gemerkt haben.

Die Männer verdauen schnarchend auf dem Sofa, wir Frauen spielen Karten und wegen meiner hätte es immer so weiter gehen können, aber es gab noch einen Programmpunkt, den bis auf zwei Personen niemand wollte: um Mitternacht an den Strand, weil Feuerwerk am Meer sei toll. Wenn es nicht so regnen würde, hätte das bestimmt Charme, aber die zwei hartgesottenen Ostmädchen setzen sich durch. Es hat keinen Sinn, sich ihnen in den Weg zu stellen. Wenn sie etwas wollen, dann kriegen sie es auch. Wie die DDR zugrunde gehen konnte, ist mir ein Rätsel.

Um 23.30 Uhr werden die Männer wiederbelebt, über unsere Bollerhosen die Mäntel gezogen und mit zwei Flaschen Champagner stemmen wir uns größtenteils missmutig Wind und Sprühregen entgegen. 

Ehrlich gesagt: Feuerwerk am Strand ist doch nicht so schlecht. Nicht gefangen in Häuserschluchten, in denen man mit Böllern beworfen wird, entwickelt sich ein taghelles Panorama, das nur entfernt an Beirut erinnert. Man steht inmitten der Silvesterraketen, hautnah am Geschehen und fühlt sich dennoch relativ sicher, denn hier zündeln nur verantwortungsvolle Väter, die das nötige Kleingeld  für ansehnliche Pyrotechnik haben.

Auf der Rückfahrt nach Berlin sehe ich in den Wolken zwar kein Gesicht, aber ein Auto, ich schätze, es handelt sich um einen Golf. Ich mache darauf aufmerksam, seht doch mal, ein Auto, und dann wird mir geantwortet, es sei wirklich an der Zeit, dass man meine Medikamente absetze. Dabei nehme ich gar keine.


  P.S.:

 

Bei mir: Freizeit, Schokolade, Sex.
Läuft.