Freitag, 20. Januar 2017

Die Nacht vor dem Weltuntergang

Nachdem ich Anfang der Woche in einem Meeting einen so grässlichen Hustenanfall bekam, dass ich beinah im Strahl gekotzt habe und das auch noch in aller Öffentlichkeit, weil unser neuer Besprechungsraum vollständig verglast ist und ich auf der Suche nach dem nächsten Klo orientierungslos im Flur herumgetorkelt bin und als ich es dann endlich gefunden habe, mir alle  Unterlagen zu Boden fielen und ich also hustete und hustete und einfach nicht mehr aufhören konnte, sah eine Kollegin später nach mir und schickte mich ohne wenn und aber nach Hause, bzw. zum Arzt und ich solle erst wieder kommen, wenn ich gesund bin, nicht ohne mich zu informieren, dass ich wirklich beschissen aussehe und zwar noch schlimmer als am Tag zuvor, obwohl das fast nicht vorstellbar sei.

Ich gab auf und fuhr zum Arzt. Obwohl wichtige Termine anstehen, aber ich muss der Wahrheit ins Gesicht sehen, es geht wahrscheinlich doch ohne mich. Der Arzt bekommt mich nur selten zu Gesicht, ca. einmal pro Jahr, wenn ich schweren Schnupfen habe. Das nutzte er gleich und fragte sehr sanft, ob ich nicht mal wieder Blut abnehmen lassen möchte. Nein, das möchte ich nicht, das weiß er auch, da muss er gar nicht fragen. Da könnte viel zu viel rauskommen. Vage verspreche ich, demnächst vorstellig zu werden.

Schon neulich als ich bei Yun war, diesem empfehlenswerten Optiker in Mitte, bei dem man seine Brille nach 20 Minuten fix und fertig in die Hand bekommt, hatte ich Angst, dass der Sehtest einen Hirntumor ans Licht bringt (ist einer Kollegin passiert, seitdem fürchte ich sogar Optiker). 

Ich verbringe meine Tage wie folgt: Ich frühstücke und muss danach sofort wieder schlafen gehen. Später gehe ich frische Luft schnappen, um anschließend erneut in Tiefschlaf zu fallen. Den Rest des Tages schaue ich zufrieden fern. Die Nächte liege ich nicht etwa wach, dank Codein-Hustentropfen. Ein Teufelszeug. 20-30 Tropfen soll man nehmen, ich nehm nur 15.

Einmal nahm ich 30 Tropfen, als sich wieder so ein Pseudo-Krupp ankündigte und siehe da: ich hatte den ersten Trip meines Lebens oder sowas ähnliches. Lull und Lall war ich und dann klingelte es auch noch an der Tür und meine Freundin von gegenüber meinte, wie siehst du denn aus? Herrgottnochmal, ich hab doch nur keinen Lippenstift drauf, ich bin einfach zu müde für Schminke. Sie sah mich zweifelnd an und verstieg sich zur Aussage, meine Augen seien gelb. 

Als Hypochonder bin ich eigentlich sehr empfänglich für solche Gutachten, in diesem Fall allerdings nahm ich das Gehörte keine Sekunde ernst. Erstens sah ich sicherheitshalber nach und da war nichts, nada, niente gelb und zweitens hat sie sich längst mit früheren Aussagen deklassiert, wie beispielsweise, dass der Mensch 20.000 bis 30.000 Herzschläge pro Minute habe und dass eine Kollegin von ihr ein Kind mit Dow-Jones-Syndrom hat. Medizinische Probleme bespreche ich mit ihr nicht und wie sie damals in Bio-Leistungskurs reingekommen ist, ist uns allen ein Rätsel. 

Der anderen Freundin von gegenüber, einer medizinische Fachkraft, erzähle ich hingegen von meiner Befürchtung, mir durch das Verschleppen der Grippe eine Herzmuskelentzündung angelacht zu haben, weil ich so schlapp bin. Darüber lacht sie nur und breitet vor mir das bunte Kaleidoskop aller Symptome aus. Ja, zweifle ich, aber irgendwann fängt das ja mal an und vielleicht bin ich in den Anfängen? Sie amüsiert sich prächtig, was auf mich eine beruhigende Wirkung hat.

Jedenfalls gucke ich so Sachen, wo Frauen Hochzeitskleider anprobieren und treffsicher das hässlichste aussuchen und zur Kontemplation Panda, Gorilla & Co. Diese Zoosendungen könnte ich tagelang gucken, und dann stelle ich mir immer vor, wie beschaulich so ein Leben als Tierpfleger sein muss und ob es für eine Umschulung schon zu spät ist. Ich trüge praktische Dienstkleidung, hätte 5-10 Tiere, zu denen ich eine persönliche Beziehung aufbaue, weil ich sie von Hand aufziehe. Dann würde ich viel Gemüse schnippeln und mir beim füttern viel Zeit lassen. Ab und an kommt der nette Zoodirektor vorbei und manchmal ein Fernsehteam, aber ich bin so tiefenentspannt, dass ich nicht mal mehr Lippenstift benutze.

Heute werde ich mir die Inaugoration von Trump ansehen, von Anfang bis Ende, in der Hoffnung, dass (beliebige Wünsche hier eintragen).

Sonntag, 15. Januar 2017

Ungeschriebene Gesetze

Woran erkennt man Männer mit Macht? 

Sie machen keinen Platz, wenn man an ihnen vorbei will. Ist so. 

Stehen sie in einer Gruppe und unterhalten sich, dann reagieren sie nicht, obwohl sie mit dem Rundumblick, der unserer Spezies möglich ist, gewiss wahrnehmen, dass sich jemand nähert. Entweder schätzen sie schon aus der Ferne ein, ob sich jemand gleichwertig mächtiges nähert, dem Platz zu machen sich dringend empfiehlt oder sie haben sich ihre Manieren abgewöhnt oder beides. 

Ausnahmen gibt es. Hier trifft auf ein sonniges Gemüt ohne jeden Dünkel und gutes Aussehen eine kometenhafte Karriere, die aus eben jenen Gründen nicht Kompensationszwecken dienen muss. Vielleicht hatten sie auch noch eine glückliche Kindheit.

Was machen Frauen mit Macht? 

Sie lächeln nicht mehr. Nicht mehr zurück lächeln ist ein klares Dominanzverhalten. Weil offenbar keine Veranlassung mehr besteht, weitere Sympathiepunkte zu generieren. Wirkt aber schnell gelangweilt, depressiv und vereinsamt, wenn die Verweigerung einer freundlichen Miene nicht gepaart ist mit ruppigen Umgangsformen. 

Lustig ist, zu beobachten, wie die, die sonst stets an der Seite des Obermuftis zu finden sind, sich trollen, wenn externe wirklich Wichtige zugegen sind. Sie würden nicht mal wagen, sich in die Nähe der großen Jungs zu begeben. Sind nur noch zweite Wahl und dürfen natürlich auch nicht mit ins Chambre Separé. 

Ich bin mir sicher, dass ihnen das niemand erklären muss. Sie wissen es einfach. Eigentlich könnte ihnen in diesen Momenten dämmern, dass talentiertes Stiefellecken noch lange nicht bedeutet, dazuzugehören. 

Mitleid habe ich mit denen, die ehemals mächtig waren. Deren Großspurigkeit und Selbstgewissheit ist heimgegangen in die ewigen Jagdgründe und als Schatten ihrer Selbst stehen sie bei zweit- bis drittklassigen Mandatsträgern. 

Ausnahmen gibt es auch hier, die Lässigkeit demonstrieren und im übrigen freundlich zu jederman sind. 




Mittwoch, 11. Januar 2017

Fabelhafte Führungskräfte

Im Zuge des Projekts "Auch-ich-habe-ein-Privatleben", das mir eine neue Konstellation im Büro aufgezwungen hat, habe ich schon mal damit angefangen, früher zu erscheinen zum Zwecke des früheren Verschwindens. Das hat nicht geklappt. Ich bin früher da und bleibe länger. Es ist zuviel zu tun und ich fühle mich unersetzlich. Hab da so'n narzisstisches Ding am laufen. Oder ich armes Schwein bin wirklich unersetzlich.

Was ich an Führungskräften bewundere, ist, dass sie auf dem Zenit ihrer Karriere das Prinzip der Work-Life-Balance total verinnerlicht haben und uns, den unteren Gehaltsklassen, so gesehen mit gutem Beispiel vorangehen. 

Sie gehen jeden Tag in eine ausführliche Mittagspause nicht unter zwei Stunden, komme, was wolle. Meine Mitstreiter wissen noch einigermaßen gut, wie Mittagspause buchstabiert wird, ansonsten hat dieses Wort nur noch einen fernen Nachhall aus früheren Zeiten, die Zeit vor dem Change Management, als wir noch nicht beschäftigt damit waren, aberwitzige, sogenannte "Projekte" umzusetzen, die schlicht nicht umzusetzen sind. Was in letzter Konsequenz aber auch gar nicht gewünscht zu sein scheint. Je mehr Kollegen scheitern, desto weniger unerreichbare Ziele nicht erreicht werden, um so weniger Boni muss man auszahlen und der ein oder andere lässt sich sogar wegen vorsätzlicher krankhafter Unflexibilität relativ geräuschlos entsorgen.

Dann sind Führungskräfte auch Großmeister im Delegieren. Das geht so weit, dass sie sich einfachste Sätze schreiben lassen, die sie dann in eine Mail kopieren und unter ihrem Namen versenden. Ich rede hier nicht von wissenschaftlichen Texten oder Handouts; das ist man ja gewohnt, dass sich die eigene Arbeit jemand anderes an die Brust heftet. Nein, inzwischen geht das viel weiter und noch viel kleinteiliger. Ich habe vor einiger Zeit schon mal geschrieben, dass nicht mehr viel fehlt und ich muss Cheffe aufs Klo begleiten. Goldene Zeiten! Indessen muss ich ihm auch die Klobrille hochklappen, das Klopapier reichen und ihm die Hände waschen, von anderen Dingen ganz zu schweigen.

Wobei, im Hände reinwaschen sind die High Potentials auch hoch talentiert. Was auch immer man ihnen vorbereitet und sie wortlos und ohne Dank zur Kenntnis nehmen und dann in letzter Konsequenz doch vergeigen, weil sie das Paper schlicht nicht an die nächsthöhere Stelle weiterleiten, zur Untermauerung ihres nie ermüdenden Fleißes oder schlicht um die Dinge ins Tun zu bringen - in ihrem Inner Circle behaupten sie der Einfachheit halber, die unfähigen Mitarbeiter haben nicht geliefert.

Was widerum zur Folge hat, dass ein jeder vermeidet, einer Führungskraft etwas mündlich zu übermitteln, sondern zur eigenen Absicherung alles per Mail sendet. Die Postfächer quellen über und kaum einer traut sich noch, etwas zu löschen, vor allem unter "gesendet" befinden sich Megabites an gerichtsverwertbarem Beweismaterial. Was am Ende auch wieder zwecklos ist, denn wer rennt  im Falle eines Falles tatsächlich zum Obermufti und beweist mit einer Flut von ausgedruckten Mails, dass man sehr wohl geliefert hat plus vier Remindern inkl. Lesebestätigungen? 

Früher war es nicht möglich, dass eine Führungskraft eigene Versäumnisse den Subalternen unterschob, weil sie sich damit nur dem Verdacht aussetzte, dass sie den Laden nicht im Griff hat. Und dass sie das viele Geld dafür bekommt, Verantwortung zu haben und zu übernehmen. Also auch hier wurde natürlich vermieden, die Führungskraft persönlich der Unfähigkeit oder Faulheit zu beschuldigen, soweit kommt's noch kam's nie. Aber mit der Aussicht auf drohenden Ehrverlust hat man immerhin verhindern können, dass kapitale Versäumnisse auf den Trainee oder die Schülerpraktikantin abgewälzt werden.

Gott, jetzt höre mich aber wirklich an wie eine Märchentante! 

Zurück zu meinem Projekt "mehr Privatleben": immer noch erkältet begab ich mich unter Leute. Alle verrotzt am Tisch. Einer ganz frisch, er nieste und nieste. Und ich dachte noch, wenn das mal gut geht mit der Tröpfcheninfenktion. Siehe da: seit 4 Uhr bin ich wach, neu infiziert und ich kann keinen Ingwer mehr sehen. Hat ja am Ende auch nichts gebracht.

Dienstag, 10. Januar 2017

Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss! Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!

Die Kommentare zum letzten Post habe ich nicht beantwortet, weil ich schon alles gesagt hatte und der, an den es gerichtet war, hat es verstanden und auf die einzig richtige Weise reagiert.

Ich bin davon ausgegangen, dass weiteres Wunden lecken hinter den Kulissen stattfinden wird, weil es auch nur dorthin gehört. Ein würdevolles aufeinanderzugehen, falls von beiden gewünscht, sowas in der Art.

Aber sinnlos und strunzdumm wird aus dem Zweikampf eine Massenschlägerei mit erheblichen Kollateralschäden. Dabei wäre Schweigen das Mittel der Wahl gewesen und niemand wäre noch beschädigter als ohnehin schon.


P.S. Sollten sich weitere anonyme Kommentatoren bei mir einfinden, werde ich sie nicht mehr veröffentlichen.

Freitag, 6. Januar 2017

Die Anmaßung


Was auch immer man in seinem Blog über sich selbst preisgibt - es darf nie von "befreundeten" Bloggern hervorgezerrt, als eigene Analyse verbrämt und der Meute zum Fraß vorgeworfen werden. 

Dafür gibt es Trolle. Oder man überlässt das Tackling grotteneinsamen Schwiemelköpfen im eigenen Kommentariat und verkauft sich das selbst und der Welt als Desinteresse an der  Leserschaft. Die sich unerträglich andienenden Idioten werden in jedem Fall die gewünscht falschen oder schlimmstenfalls richtigen Schlüsse ziehen (= Schweigen ist Zustimmung) und man selber ist fein raus.

Man kann hingegen jederzeit ein Buch rezensieren und weiß Gott niemand erwartet ein Gefälligkeitsgutachten. Aber wenn es schlecht läuft, verrät man mit einem Schlag mehr über sich selbst, als einem lieb sein sollte.

Unverzeihlich und viel Anlass zum Fremdschämen ist geiferndes Gesuhle in der Krise eines anderen. Dafür gibt es die BILD und Franz-Josef Wagner. Déja vu gefällig?

Du bist wieder frei. Eine Nacht warst du wie lebendig begraben. Mich interessiert, wie du mit dem Echo der Erinnerung umgehst. Polizei-Sirenen, Schüsse. Du warst eine heitere, heile Weltstadt vor der Unglücksnacht. Wie fühlt sich das Leben danach an? Beim Frühstück, beim Joggen. Wenn man seine Kinder sieht. Kinder, die aufwachsen müssten ohne mich, wenn mich der Killer erschossen hätte.


Heiraten in Korea

Zwischen den Jahren habe ich noch einige Dinge erledigt, wie neue Matratzen kaufen, einen Föhn umtauschen und meine idiotischerweise abgeschlossene Akku-Versicherung beim Kauf meines IPads vor zwei Jahren einzulösen und kurz vor der Angst einen neuen Akku zu fordern. Ich dachte ja, die schrauben gleich einen neuen rein und alles ist gut. Natürlich musste es eingeschickt werden und nach 2-3 Wochen bekomme ich es zurück. 

Das ist dumm, denn ich lese Zeitungen auf dem Ding und morgens zu frühstücken ohne Zeitung ist mir schlicht unmöglich. Nun komme ich von Berufswegen an alles, was ich brauche. Seit einer Woche lese ich an der Wochenendausgabe der Süddeutschen und ich kann mit Fug und Recht sagen, dass ich jede Zeile gelesen und viel gelernt habe. 

Für mein Liebesleben gibt es beispielsweise eine sehr charmante Lösung, auf die ich von allein nicht gekommen wäre. Ich werde der Moon Sekte beitreten und mich mit 4.000 anderen Paaren gleichzeitig verheiraten lassen, mit einem Mann, den ich noch nie vorher gesehen habe. Gegen eine Vor-Ort-Trauung in Korea spricht meine Flugangst, aber ich kann mich auch vor den Fernseher stellen mit dem mir unbekannten Mann und dort eine fünfzehnminütige Rede des bereits verstorbenen Sekten-Gründers anhören, an deren Ende er uns zwei auffordern wird, einander in die Augen zu schauen und dann die erlösenden Worte hören "Ihr seit jetzt verheiratet" - ist das nicht fantastisch?

Zudem werde ich mir endlich was von dem wunderlichen Essayisten Montaigne kaufen; ein früherer Kollege hat mir schon vor 15 Jahren mit ihm in den Ohren gelegen. Der Mann scheint nur Kluges gesagt und geschrieben zu haben. Damit könnte ich dann den fremden Ehemann entzücken.

Und dann wird's hohe Zeit, nach Marzahn zu ziehen oder in die Gropiusstadt, weil das wohnen in Hochhäusern doch gar nicht so schlimm sein soll. Ich kann das sogar aus eigener Erfahrung bestätigen, denn als ich drei Jahre alt war, zogen meine Eltern mit mir und meiner Schwester in ein nagelneues Hochhaus, drei baugleiche standen in gebührendem Abstand near by. 

Es gab dort unfassbar viele Kinder, eigentlich verbrachten wir fast alle Nachmittage auf Kindergeburtstagen oder luden dazu ein. Ich konnte kaum erwarten, Geburtstag zu haben, weil ich dann ausnahmsweise meine Lieblingsfrisur tragen durfte. Die Eltern befreundeten sich ebenfalls und diese Freundschaften halten teils bis heute, trotz temporären Frauentauschs (Gott, es waren die Siebziger, die Mütter trugen betörende "Zweitfrisuren", welchem Mann ist vorzuwerfen, dass er sein Glück zwei Stockwerke tiefer versuchte?). 

Außerdem werde ich in Kürze in die Rosenthaler Straße 11 fahren, zu einem Optiker, bei dem jede Brille 99 € kostet und man die fertig geschliffenen Gläser nach 20 Minuten eingebaut bekommt. Der hat eine Schleifmaschine vor Ort, der man bei der Arbeit zusehen kann. Das ist Fortschritt, wie ich ihn haben will. Brille to go.

Wenn mein IPad nicht weg wäre, hätte ich das alles nicht erfahren. 

Dass ich nun unbedingt die neue Matratze kaufen wollte, hat mir allerdings das Genick gebrochen, denn die Verkäuferin war schwer erkältet, bzw. wirkte sie völlig gesund, sagte aber, dass es ihr sehr schlecht geht. Mich ereilte es an Neujahr. Ich stand auf und legte mich gleich wieder hin, für den Rest des Tages konnte ich nicht mal einen Arm heben. Ich blieb aber nur zwei Tage zuhause und seitdem bin ich in Büro-Quarantäne, niemand will was mit mir zu tun haben und jeder sagt, ich sehe beschissen aus. 

Aber einem Mann aus der Moon Sekte würde das nichts ausmachen.

Mittwoch, 4. Januar 2017

Alte Männer im Straßenverkehr

Stolz war ich und auch überrascht, dass im Dezember und an Weihnachten alles um mich herum umfiel wie die Fliegen und ich trotz räumlicher Nähe pumperlgesund blieb. 

Ich wäre auch sauer gewesen, wenn sich die langersehnten freien Tage nicht hätten genießen lassen, weil ich musste unbedingt was zum genießen haben, und sei es auch nur Langeweile und ein Gefühl der Leere, dass sich bei mir immer einstellt, wenn ich mich wochenlang am Limit bewegt habe. 

Dann phantasiere ich mir stets Tage herbei, an denen ich niemanden sehen und sprechen muss und wenn's soweit ist, genieße ich das genau einen halben Tag; unmittelbar im Anschluss legt sich was arg deprimierendes in die Stille, was mir dann auch wieder nicht recht ist.

Arbeitnehmerfreundlich wurde ich am letzten Urlaubstag krank.

Und gleich musste ich schon wieder die Polizei anrufen. Ich hatte mich zur Apotheke geschleppt und auf dem Rückweg fuhr ein Auto auf der gegenüberlegenden Seite mit aller Ruhe in einer langen geraden Linie in den Gegenverkehr und knallte in den Wagen vor mir. Und dann fuhr er weiter, ohne den Hauch einer erschrockenen Ausweichbewegung, als sei nichts passiert, an mir vorbei und ich gestikulierte, dass er anhalten soll.

Ich stieg aus und rannte zu ihm rüber. Im Auto saß ein hornalter Mann mit fortgeschrittenem Greisengesicht, aber im Blaumann."Wassn bassierd?" fragte er. Wenn er das nicht weiß, dachte ich mir, dann ist ihm gerade was passiert und ich fragte, wie es ihm geht. "Sähr guud" sächselte er.

Zufällig kam ein Krankenwagen vorbei, aber der Mann verweigerte eine Untersuchung, nichtmal den Blutdruck wollte er sich messen lassen. Es gehe ihm sehr gut, beteuerte er immer wieder. Er hätte rein gar nichts. "Näää, isch gäh nich in den Wogn rein, gommd nich in die Düde. Is jo nüschd bassierd, nu?" Die Sanitäter beteuerten sanft, dass es nicht um Schuld gehe, sondern das man nur schauen wolle, ob alles okay mit ihm ist. Keine Chance.

Der Krankenwagen fuhr weiter.

Ich konnte ihn verstehen und erkannte mich in ihm wieder. Wahrscheinlich ein Hypochonder, der gar nicht wissen will, was mit ihm ist. Er hatte panische Angst, das sah man, auch wenn er sich in seinem Blaumann mit letzter Kraft den Anschein eines Mannes zu geben versuchte, der voll im Saft steht. 

Die Polizei kam nicht. 

Wahrscheinlich ist er noch als Hausmeister zugange. Bessert sich die Rente auf. Fühlt sich nützlich. Springt dem Tod von der Schippe durch Vollbeschäftigung. Ausgebremst durch einen Blackout und durch mehr Glück als Verstand ist niemandem was passiert. Nur zwei Autos geschrottet. 

Leute wie ich, die ihn überreden wollen, sich untersuchen zu lassen, sind die Pest, die kann er nicht gebrauchen. Ich gefährde nur seinen Führerschein, weiter nichts. Ich versteh das, gebe der Frau aus dem anderen Auto meine Karte und trolle mich.

Sonntag, 1. Januar 2017

Blondes have more fun

Die Silvesternacht hat mir nichts abverlangt, außer Humor. 

Ich war mit der Auftragsmörderin verabredet. Wir hatten uns angemeldet bei der Party in unserer DoKo-Spelunke, die sollen toll sein, mit tanzen und allem, hat man uns versichert. Beginn 22 Uhr. Vorher waren wir woanders was trinken, verquatschten uns dort und kurz vor elf fuhren wir vor. Wir sahen durch die Fenster.

"Du, da ist niemand."

Wir gingen rein. Da war niemand. Bis auf vier Gäste und die Wirtin. Aber das waren Stammgäste, seit dem Altpaläolithikum sitzen die dort. 



Ich meine, ich bin ohne Erwartungen los, aber so erwartungslos war ich dann auch wieder nicht. Und 23 Uhr ist zu spät, um sich woanders unterzubringen. Also haben wir über uns gelacht und die Köpfe geschüttelt und uns gefragt, was wir verbrochen haben. Und dann haben wir gesagt, dass wir den nächsten Mann, der hier rein kommt, ansprechen. Aber es kamen nur ein Rosenverkäufer und ein 12jähriger Junge, der aufs Klo musste. 

Um Mitternacht nahmen wir uns herzlich in die Arme und gingen vor die Tür. Man drückte uns je eine Riesen-Wunderkerze in die Hand. Da standen wir und starrten in den Himmel.

"Ist doch mal ein sehr entspanntes Silvester, letztes Jahr als ich bei Dingens war, das war doch sehr krampfig."

Was ich so besonders an ihr schätze, ist, dass sie die Dinge nimmt, wie sie kommen und da ich das auch gut kann, sind wir bestens geeignet, so einen Schmarrn miteinander durchzustehen.

Als wir eine halbe Stunde später wieder reingingen, kamen noch ein paar andere Leute mit, die sich zu uns an die Theke setzten, pensionierte Lehrer und Lehrerinnen, schätze ich. Wir bekamen wieder Wunderkerzen in die Hand, diesmal die kleinen. Die Funken fackelten versehentlich die Luftschlangen ab, die sporadisch verteilt waren. 

So ein Feuer entzündet sich affenartig schnell. Ich schüttete mein Bier (alkoholfrei mit einem Schuss Holunderbeersirup) drüber, das alles fand die Wirtin nicht lustig.

"Kannste alles verbloggen."

Hiermit getan.

Samstag, 31. Dezember 2016

Tschüss 2016

Übermorgen wird mein Blog 2 Jahre alt. Einen Jahresrückblick schenke ich mir. Interessierte Leser klicken sich einfach durch das Archiv. Da steht fast alles.

Aber ich möchte auf meine Lieblingsblogger verweisen (und ich rede hier nicht von innovativen Neuentdeckungen, sondern von Lieblingen), die ich in den letzten zwei Jahren entdeckt habe.


Celebrity Jane 
Ich habe alles getan, um diese äußerst begabte Schreiberin zu motivieren, mehr als einen Post pro Jahr zu bloggen. Es ist mir gelungen, sie immerhin auf zwei Beiträge zu pushen. Mir immer noch zu wenig, aber ich arbeite dran.. ich arbeite dran. 

Glumm
Was soll man zu diesem Mann sagen? Es gibt keinen, wirklich keinen, der so hinreißend seine Vergangenheit auferstehen lässt. Er schreibt so eindringlich, als wäre man dabei gewesen. Und seine lupenreine Drogenkarriere scheint nur wenig Hirnzellen in Mitleidenschaft gezogen zu haben.

Kiezneurotiker
Tja, ohne seine Lust, kleine, neue und unbekannte Blogs zu unterstützen, würde ich wohl in irgendeinem Eckchen vor mich hindümpeln. Dafür sage ich immer wieder gerne Danke.

Kiezschreiber
Als ich ihn entdeckte beim Kiezneurotiker war mir seine Schreibe zu unübersichtlich und ich ließ ihn längere Zeit links liegen. Ich kann aber nur jedem raten, ihn zu lesen, weil sich in jedem Post mindestens ein Satz für die Ewigkeit findet. Keine Ahnung, woher er die nimmt. Außerdem lacht er gerne über sich selbst, jedenfalls schont er sich nicht.

Kreuzberg Südost
Die liebe Tikerscherk. Sie schreibt so herzzerreißend und -erweichend über die Untiefen der Liebe, dsyfunktionale Familien und natürlich meinem Steckenpferd: Krankheiten. Ein mitfühlendes Geschöpf, der ich ein paar Jahre ohne Katastrophen wünsche. 

Misanthropin 
Von ganz anderem Schlag, diese Frau. Ihre "Börsenberichte", in denen sie ihre Blinddates rotzig verwurstest sind unerreicht. Leider hat sie derzeit die Faxen dicke, neue Männer kennenzulernen, was für uns alle ein großer Verlust ist.

Schrottpresse
Entdeckt bei Tikerscherk, die beiden flirten ziellos vor sich hin. In seinem eigenen Blog findet er eher handfeste Themen, die er mit klaren Worten behandelt. Sein anderes Ich lässt er in den Kommentarspalten aus dem Käfig und das oft brüllend komisch. Unbedingt lesen. 

Habt Dank für eure Kommentare, Mails, Verlinkungen und Verlobungsangebote. Rutscht alle gut (auch die, die ich heute nicht erwähnt habe). Und im neuen Jahr möge jeder das bekommen, was er zum Glücklichsein braucht.