Freitag, 13. April 2018

Präsentismus oder: dead woman walking

Gegen Nachmittag wird mir plötzlich flau. Ich kenne die Zeichen: entweder werde ich noch heute sterben oder es kommt ein Gewitter. Alle Farbe weicht dann von mir, auch die Schminke. Letzteres liegt wahrscheinlich daran, dass ich mich auf altmodische Art anmale. Nur getönte Tagescreme, nix Concealer; ich will mich ja nicht tapezieren. Jedenfalls bewege ich mich nur vorsichtig, weil sich die Welt über Gebühr schnell dreht. Wie ich da nun sieche, kommt eine Kollegin vorbei und sagt, dass ich beschissen aussehe. 

Sowas darf man mir nicht sagen, als Hypochonderin denke ich dann schnell, dass eventuell doch kein Gewitter im Anmarsch ist, sondern der Sensenmann höchstpersönlich. Ach, winke ich ab, das kenne ich, das ist das Wetter.

Zweifelnd sieht sie mich an und sagt "Der Anne geht es heute auch richtig schlecht, die hat schon Stunden im Sanitätsraum verbracht."

Ach, denke ich, rufe ich doch mal die Anne an, geteiltes Leid ist halbes Leid, mir geht's gleich besser. Sie geht auch gleich ans Telefon, mit ersterbender Stimme flüstert sie "Dir geht's auch nicht gut? Ich komme mal runter zu dir."

Mensch, denke ich, die ist ja tapfer, ich wäre nicht mehr fähig durchs Haus zu wandern, um Kollegen zu besuchen. Ist mir grad alles zu karusselig. 

Nach ein paar Minuten steht sie in meiner Tür, mit hochroten Kopf und erzählt, dass sie sich seit heute früh die Lunge aus dem Hals kotzt und schon einige Stunden im Sanitätsraum verbracht hat, sie hätte so einen Druck auf dem Magen, das könne sich kein Mensch vorstellen und andauernd würde ihr schwarz vor Augen. Mir wurde auch schwarz vor Augen.

Bist du bescheuert, frage ich sie, was machst du hier noch? Und weshalb (die viel wichtigere Frage) kommst du extra runter zu mir, das hättest du mir doch auch am Telefon erzählen können, du bist doch bestimmt hochansteckend, fass bitte nichts an, nein, lass die Tür ruhig offen, am besten kommst du gar nicht rein und why the fuck bist du noch im Büro? 

Sie habe noch einen wichtigen Termin. 

Will sie denen auf den Tisch kotzen? Das kann nicht ihr Ernst sein. Sie wird ganz Berlin kontaminieren und mit mir hat sie angefangen und dann denken alle, Putin war's und dann erzählt sie mir, sie hätte nach dem Saniraum auch noch den Ruheraum aufgesucht und hätte sich auf den Liegesessel begeben - auf dem vor einer halben Stunde ich selbst gelegen habe! Verdammt, der Raum war verseucht und ich wusste es nicht. Das wird ja immer schlimmer, was sie da berichtet. Und dann seufzt sie immer noch so dramatisch in meine Richtung, hallo Tröpfcheninfektion. Und ich fahr am Sonntag an die Ostsee. 

Da komme ich den ganzen langen Winter ohne Erkältung durch, rufe einmal eine Kollegin an, um mich mit ihr zu solidarisieren und dann bringt sie mich um. 

"Aber rauchen geht noch!"

Ich entspanne mich schlagartig. Jemand mit Norovirus kann nicht rauchen. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Man kann auch keine wichtigen Termine mehr wahrnehmen. Sie hat wahrscheinlich nur zuviel gesoffen. Der hochrote Kopf, ich weiß Bescheid.

Sicherheitshalber desinfiziere ich mich von Kopf bis Fuß und fahre fluchtartig nach Hause. Dort mache ich dann später künstlerische Gewitterfotos.
Bildergebnis für kotzende kollegen witze
Ostsee, ich komme!


Montag, 9. April 2018

Brave new Büro World

Eine ganz neue Mode bei uns sind Meetings im stehen. Das fing mal ganz harmlos an, dass wir uns jeden Montag für 10 Minuten in einem Büro trafen und darüber sprechen mussten, was wir die Woche so auf dem Tisch haben werden. Natürlich blieb nur Cheffe stehen, alle anderen lagerten auf den Tischen und erzählten nacheinander, was wir sowieso schon wussten oder keine Sau interessierte.

Daraus wurden ganz schnell tägliche 10 Minuten, zusätzlich zu den Whiteboards, die in jedem Büro aufgestellt wurden, an denen wir auf post its schreiben mussten, was wir zu tun gedenken. Jeder bekam seine eigene Farbe. Vier Spalten gab es: Plan, 25% erfüllt, 50% erfüllt, erledigt.

Einmal pro Woche kam Cheffe in jedem Büro vorbei, stellte sich vor das Whiteboard und ließ sich erzählen, wie weit wir schon waren mit der Aufgabenbewältigung. Das war schon etwas, woran man sich gewöhnen musste, denn das Ding musste à jour sein; also täglich musste man die Post its umkleben. Natürlich klebten wir nur schnell um, bevor Cheffe kam. 

Dann musste das alles noch übertragen werden ins Intranet, weil das für den Rest des Hauses total interessant ist, was wir so machen. Aber nicht einfach so, sondern in Projekträume. Fragt mich, was ein Projektraum ist, ich weiß es nicht und werde es nie begreifen. Und in ein Projektraum darf nur eingetragen werden, was vorher als Prozess definiert wurde. 

Vorteil: wenigstens dürfte man dabei sitzen, wenn man sich das Intranet anschaut, theoretisch, aber dazu hat nun wirklich keiner mehr Zeit. Aber darum geht es Gottseidank auch nicht, nur das befüllen ist wichtig und das drüber reden, im stehen.

Dazu kamen die wöchentlichen Jour Fixe, die wir vorm Tschainsch Manadschment ziemlich genossen, weil wir immer Pizza bestellten und über die neuesten innerbetrieblichen Massaker tratschten. Total old school war das und so konnte das natürlich nicht bleiben.

Als die Geschäftsführung davon hörte, dass wir jetzt immer stehen bei all diesen Meetings, fand die das so toll, dass sie sofort was eigenes machten. Sogenannte Townhall Meetings, bei denen wir gezwungen wurden, uns bis zu anderthalb Stunden die Beine in den Bauch zu stehen. Extra in einem Raum, in dem es nur Stehtische gab. Kein Wasser, kein Kaffee wurde gereicht, weshalb wir nun stets wie Topmodels mit eigenen Wasserflaschen durch's Haus wandern.

Die Stehtische sind harmonisch vor dem Pult von Oberchefin drapiert, aber wie es immer so ist, stand sie ziemlich allein mit den Stehtischen um sich herum, derweil die dumpfe Masse sich an den Wänden weiter hinten herumdrückte. Trotz Aufforderung kamen nur wenige nach vorn. So nah möchte man nicht vor ihr stehen, eine natürliche Barriere ist das.

Sie erzählt dann immer, was für ein toller Haufen wir sind, was nur daran liegt, dass sie so ein tolle Oberchefin  ist, am Ende sagt sie „Hat jemand Fragen?" Die üblichen Verdächtigen stellen eifrig überflüssige Fragen, weil es suizidal wäre, wirklich wichtige Fragen zu stellen und der Rest rollt unauffällig mit den Augen und reibt sich die Krampfadern. 

Danach humpeln wir dann wieder in unsere Büros und kleben neue Post its ans Whiteboard. 

Inspiriert von "später bügelgrundkurs, früher gintonic"

Donnerstag, 5. April 2018

Nächtliche Anrufe

Nacht 1
Um halb zwei ins Bett, kaum liege ich, Pling! Wer schreibt um diese Zeit? Eine Freundin mit schlimmen Kummer. Ich will das nicht näher erläutern, aber es ist wirklich richtig schlimmer Kummer, Höchststrafen-Kummer. Wir reden eine halbe Stunde, dann traut sie sich zu, durch die Nacht zu kommen.

Nacht 2
Um Mitternacht ins Bett. Pling! Eine Freundin, die sich aus dem Urlaub meldet. Wie denn Ostern so gewesen sei. Bei ihr ins Spanien sei alles tippetoppe. Sie ist in Plauderlaune. Ich nun wirklich nicht.

Nacht 3
Kurz vor Mitternacht. Festnetzanruf. Ups, ist was mit dem Mütterle? Nur sie benutzt noch Festnetz. Nein, Freundin mit Beziehungsstress. Sie steht vor dem Hotel, nach riesigem Krach mitten auf der Straße. Was sie jetzt tun soll? Naja, sage ich, das ist doch klar. Du gehst jetzt rein ins Hotel, buchst dir ein Einzelzimmer, schaltest dein Handy auf Flugmodus und hast eine entspannte Nacht. Ich lege auf und weiß, dass sie das natürlich nicht tun wird. Ich bin zu alt für solche Telefonate.

Nacht 4
0.30 Uhr, ich dämmere schon weg. Pling! Die Beste. Der Besten ist man gerne verpflichtet, schon klar. Aber ich bin die nächtlichen Ruhestörungen allmählich leid. 

Heute zur Abwechslung Anruf tagsüber
Unsere gemeinsame Putzfrau ruft an. Sie ist im Haus der in Spanien weilenden Freundin. "Ich glaub, der Kühlschrank ist kaputt. Alles warm und kein Licht." Ich gebe in Spanien bescheid. Komme nach Hause, rolle die Mülltonne vor die Terassentür und entsorge den schon reichlich übelriechenden Inhalt. Wie gut, dass ich so gerne wegschmeiße. 

Da ich heute schon am hellichten Tag behelligt wurde, hoffe ich auf eine ungestörte Nacht.  

Freitag, 30. März 2018

Bada Bing!


An fünf Wochenenden haben wir knapp 90 Folgen Sopranos geguckt, die Dezemberaffaire und ich. Zwischendurch haben wir Geburtstag gefeiert, Doko gespielt und waren immer heilfroh, wenn endlich alle gingen, damit wir weiter gucken können. 

Jetzt sind wir in eine Depression gefallen und wissen nicht recht, wie wir den Rest unseres Lebens gestalten sollen. 

Gestern kam sie kurz vorbei, um sich den Hund der Auftragsmörderin abzuholen. Der war ein paar Stunden bei mir zwischengeparkt. weil letztere auf Reisen geht und erstere sich - wegen ihres Salto Mortale vom Pferd immer noch außer Gefecht gesetzt - zu einer semi-professionellen Hundesitterin entwickelt hat. 

Sie ist schon so vertraut in meiner Wohnung, dass es sich im Grunde um ihren Zweitwohnsitz handelt. Es klingelte, der Hund drehte durch und schon stürmte sie an mir vorbei, mit zwei Tiefkühlpizzen in der Hand. "Ich nehme an, wir haben Hunger.", sprach's, nahm sich den Rotwein und machte es sich auf ihrem Sofaplatz bequem. 

Wir besprachen, wie es weitergehen soll. Über Ostern wird das Wetter so beschissen, dass wir uns keine Vorhaltungen machen müssen, wenn wir einfach liegen bleiben. Der Hund wird uns zwingen, dreimal am Tag das Haus zu verlassen, das verringert die Thrombose-Gefahr erheblich. 

Aber was gucken wir? Als Vollmitglieder der Sopranos haben wir mit dem Ende der Serie jeden Lebenssinn verloren. Leider auch die Fähigkeit, uns auf andere Serien zu kaprizieren. Was haben wir nicht alles versucht. 

Ich schaute trübsinnig in die Tasse, die sie mir geschenkt hat. 
Bild 1 von 1
Wir haben es dann mit House of Cards versucht - keine Chance. 
High Maintenance - no way, jedenfalls jetzt nicht.
Berlin Babylon - och nö
Empire Boardwalk - ich konnte immer nur auf die hässlichen Zähne von Steve Buscemi schauen. 

"Findest du da rein?"
"Nö, ich versuch was anderes."

Nach mehreren erfolglosen Versuchen, etwas adäquates zu finden, verschwand sie um Mitternacht mit dem Hund im strömenden Regen. Wir brauchen dringend einen Plan für Ostern. Irgendwelche Vorschläge?


Apropos Hund: der hat sich zu einem pestilenzartigem Furzer entwickelt. Und seitdem er entmannt wurde, hat er an Gewicht zugelegt. Er liegt aber weiterhin gerne direkt auf uns drauf. Er raubt einem in mehrlei Hinsicht die Luft. Ich nenn' ihn jetzt Moppi und bin immer heilfroh, wenn er wieder zu ihr rüber wechselt.


Dienstag, 27. März 2018

Murphys Gesetz

Heute wollte ich die Mittagspause nutzen, um rasch ein Ostergeschenk für meine Nichte zu besorgen.

Ich lief zu meinem Auto, aber das war nicht mehr da. Stattdessen flatterte ein Flatterband dort, wo ich am Morgen erfreut eine Parklücke ausgemacht machte, in die ich mich so kunstfertig wie stets reinquetschte. 

 

Die hatten alle abgeschleppt, bis auf den schwarzen Wagen, der am Horizont zu sehen ist. An dem führte das Flatterband vorbei und war dann ganz vorn, am Ende der Straße, befestigt. Die Halteverbotsschilder standen so, dass man sie als Fußgänger gar nicht wahrnahm, denn sie waren komplett zur Straße gedreht. Aus meiner Sicht hatte ich gar keine Chance, wahrzunehmen, dass da überhaupt etwas stand - ungefähr in der Mitte vons Janze hatte ich geparkt und bin dann schnell ins Büro gestöckelt. Jetzt machte ich erstmal erbost Beweisfotos, vor allem davon, dass außer dem Flattern das Bandes keine weiteren Aktivitäten festzustellen waren, bei denen mein Auto im Weg gestanden hätte.

Ich rief die Polizei an, wo denn mein Wagen stünde. Taxi rangewunken, hingefahren. Ich steige in mein Auto, wende und will nun endlich zur Beschaffung des Ostergeschenks schreiten. Kommt mir die Polizei entgegen, drängt mich zur Seite, zwingt mich zum halten. "Gute Frau, das ist eine Einbahnstraße. Bitte mal die Fahrzeugpapiere."

Verdammt teues Vergnügen, dieser Tag. Ich habe zwar nicht vor, das abschleppen zu bezahlen, denn Gottseidank las ich erst kürzlich in der Zeitung, dass die Berliner Verwaltung nicht mehr hinterher komme mit dem Einziehen von Bußgeldern, weshalb die Verfahren entnervt eingestellt werden. Mal sehen, wie ich der blöden Abschleppfirma klar mache, dass die ihre Schilder äußerst sparsam und zudem so gut wie unsichtbar aufgestellt hat. Ich habe jetzt an fünf Wochenenden alle 86 Folgen von den Sopranos geguckt, ich bin mit allen Wassern gewaschen. Zur Not rufe ich Scheiß Pauly an, der war vor seiner Karriere als Scheiß Pauly Berufsverbrecher und kann mir bestimmt weiterhelfen.

Ich also weiter zu dem Laden, finde einen Parkplatz direkt vor der Tür. Fahnde sicherheitshalber nach Verbotsschildern. Kaufe das Geschenk in nullkommanix, gehe zurück zum Auto, aber ich sehe es nicht mehr. 

Es steht ein riesiger LKW in zweiter Reihe. Keine Werbung drauf, ich kann niemanden anrufen. "Nur die Ruhe" mantrasiere ich vor mich hin. Weit und breit niemand zu sehen. Ich warte. Dann kommt der LKW-Fahrer. "Ich bin gleich weg, ich muss nur noch diese Palette reinbringen." Ob er nicht fünf Meter vorfahren könne, ich habe es eilig. "Nee, das bringt mir nichts." Wo ist nur dieser Scheiß Pauly?

Zurück zum Büro, entscheide ich mich, die firmeneigene Tiefgarage zu nutzen, für die habe ich immer eine Zehnerkarte, benutze sie aber nur, wenn in der Nähe wirklich nix zu machen ist oder es in Strömen schüttet. Kurz vor der Einfahrt mache ich das kleine Handschuhfach auf, in dem die Parkkarte liegt. 

Seit 10 Jahren liegt sie da. Jetzt ist sie weg. Where the fuck is Scheiß Pauly?

Ich schütte den ganzen Inhalt auf den Beifahrersitz. Dazu den Inhalt meiner Handtasche, sinnlos, nichts zu machen, die Karte bleibt verschwunden. Ich fahre wieder los, umkreise das Büro und fahre zurück in die Straße, in der ich zuvor abgeschleppt wurde. 

Nur auf eins ist Verlass an diesem Tag: mein Parplatz-Karma. 

Gegen 20 Uhr verlasse ich das Büro und kann mich wenigstens darüber freuen, dass ich den ganzen Scheiß schon am hellichten Tag durchgestanden habe.