Mittwoch, 1. Februar 2017

Back in the office

Als ich diese Vogel-Schweine-tödlicher-Männerschnupfen-Grippe hatte, ging es mir zwar nicht so toll, aber ich war trotzdem nicht unglücklich, fast zwei Wochen in völliger Abgeschiedenheit vom Büro (und teilweise sogar abgeschnitten vom Netz, also praktisch Dalai Lama mäßig ((wegen fucking Vodafone)) darben zu können. Das wurde nämlich höchste Zeit und ich nahm mir vor, ganz viel für's Leben zu lernen. 

Zum Beispiel, dass es idiotisch ist, so viel zu arbeiten, wie ich die letzten Monate. Ich werde ja wohl kaum auf dem Totenbett bereuen, dass ich nicht oft und lange genug im Büro war.  

Ich stellte mir vor, dass ich zukünftig wie jeder vernünftige Mensch von nine to five arbeiten werde. Vor meinem geistigen Auge breiteten sich Feierabende aus, die ich im Kino, mit Freunden, kochend, auf dem Pferd und was weiß denn ich, wo noch, verbringen werde. Abende, an denen ich nicht auf allen Vieren aus dem Büro zum Auto krauchen werde, sondern mit einer gewissen Rest-Vitalität meinen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkomme und diese nicht als zusätzliche Belastung empfinde. Das wird alles ganz fabelhaft, ganz bestimmt.

Ganz fest nahm ich mir am Montag vor, spätestens um 17.30 Uhr die Stätte des Grauens zu verlassen, komme, was wolle. Und nicht nur am Montag, sondern jetzt und immerda. Mein neues Mantra: Auch ich habe ein Privatleben. Ich meine, vor nicht allzu langer Zeit hatte ich mal eins. So schwer kann das nicht sein.

Naja, Schwamm drüber. Träume darf man ja haben. 

Themawechsel. Der neue Praktikant.

Es gibt ja sagenhaft gute Praktikanten, nix gegen zu sagen. Und es gibt die anderen. Die kommen immer zu uns (übrigens werden sie - zu Recht - ganz gut bezahlt und haben sehr gute Chancen, übernommen zu werden).

Dieser hier hält sehr viel von Networking. Will sagen, er feiert die Feste, wie sie fallen. Er geht zu jedem Abschied, Geburtstag, Babywatching und Einstand. Er ist der Erste vor Ort und der Letzte, der wieder geht. Erstaunlicherweise, denn er ist nirgends eingeladen, aber das ficht ihn nicht an. Er hört von irgendeiner Sause und schon strapst er los. 

Es redet dort zwar niemand mit ihm, weil ihn keiner kennt, das stört ihn aber auch nicht. Er reckt den Hals weit vor, um kein Wort zu verpassen. Sitzt er am Tisch, beugt er sich bis über die Mitte zu den Leuten, die gegenüber sitzen, um an vertraulichen Gesprächen teilhaben zu können. Eigentlich hat man immer sein Gesicht sehr nah am eigenen Gesicht; das weckt natürlich meine Mordlust.

Das schlimmste aber ist, dass er nicht zupackt, wenn mal anzupacken ist. Neulich bat ich ihn und eine Kollegin, mir beim umräumen eines Besprechungsraums zu helfen. Er sah uns dann zu, wie wir Tische rückten und Stühle schleppten. Mal legte er so halbherzig wie lahmarschig die Hand an einen Tisch, aber dann sprang sofort meine Kollegin hinzu, "Warte, ich mach schon", und der Tropf stand wieder erschlafft mit seinem ewig gleichen dümmlichen Lächeln sinnlos in der Gegend rum. Ich nenn ihn heimlich Mona Lisa. 

27 jährige Männer, die zugucken, wie Frauen schwere Sachen heben, bringen mich an den Rand einer massiven Impulskontrollstörung.

Kommentare:

  1. Was Du beschreibst ist aber das, was ich mehrheitlich vorfinde in dieser Alters- und Geschlechtsgruppe. Wenn unsere Azubis zupacken, das ist so, als wenn 3 Mädels loslassen.

    Sie müssten Einem eigentlich leid tun.
    Beide Seiten.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich tu mir auf jeden Fall schon mal selber leid...

      Löschen
  2. Ich kann nur sagen... Die Mädchen sind kein Stück besser.

    AntwortenLöschen
  3. Nein, das wirst du wohl nicht bereuen, dass du nicht nicht oft und lange genug im Büro warst. Habe gerade das Buch "5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen" gelesen und dieser Punkt wurde zumindest da nicht aufgeführt. Wer hätte das gedacht... ;)

    @massive Impulskontrollstörung: Kann ich sehr gut nachvollziehen. Was ich aber dank der (V)Erziehung des Juniors (17) gelernt habe: kurze u. klare Ansagen helfen erstaunlich gut. Keine Bitte, kein Konjunktiv, kein Nettigkeitsgeplänkel. Seither wird Unmögliches möglich. Ob das bei eurem Praktikanten auch helfen könnte? ;D

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. War auch mein erster Gedanke

      Löschen
    2. @Nelly: Das ist gut zu wissen. Habe mich immer gefragt, ob ich wohl nen Hund erziehen könnte, mir das aber nicht so richtig zugetraut und unerzogene kleine Kläffer haben wir hier im Haus genug. ;)

      Löschen
    3. Ich mach das ja schon so, nützt aber auch nix. Er ist immun.

      Löschen
  4. So was bezeichne ich als männlich Bambis...furchtbar diese Typen

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Bambi... Pah, viel zu hoch gegriffen.

      Löschen
  5. Was Anna sagt.

    Und WAS?! Der ist schon 27???

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, man hat's oder man hat's nicht. Ist altersunabhängig.

      Löschen
  6. 27 und wohnt bei Muttern...

    AntwortenLöschen
  7. Klingt nach Asperger, also eine Spielart des Autismusspektrums. Hat unser Sohn (14) und passt ziemlich gut zu Deiner Beschreibung. Leider...

    AntwortenLöschen
  8. Er wird Karriere machen, weil jeder ihn weglobt.

    AntwortenLöschen